„Zwei Quadratkilometer Stress“

ZDF-Reportage über Neckarstadt: Nach Kritik von OB Kurz – jetzt teilt Autorin richtig aus

Mannheim-Neckarstadt-West – Eine ZDF-Reportage nimmt den Problem-Stadtteil unter die Lupe. OB Kurz macht der Autorin schwere Vorwürfe – diese kontert jetzt mit scharfer Kritik.

  • Der Stadtteil Neckarstadt-West in Mannheim gilt seit längerem als „Problemviertel“
  • Mit der Armutsmigration aus Südost-Europa verschärft sich das Elend im Stadtteil.
  • Das ZDF-Magazin „37 Grad“ begleitet in „Zwei Quadratkilometer Stress" drei Menschen bei ihrem Kampf für die Menschen im Stadtteil.
  • Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz kritisiert „tendenziöse“ Berichterstattung.
  • Filmemacherin Güner Balci mit heftiger Kritik an Mannheims OB.

Update vom 24. Juli: Nach der Ausstrahlung der ZDF-Reportage „Zwei Quadratkilometer Stress" über den Mannheimer Problem-Stadtteil Neckarstadt-West hagelt es heftige Kritik an der Macherin des Films. Vor allem Oberbürgermeister Peter Kurz zeigt sich merklich gereizt und unterstellt der Journalistin eine verzerrte Berichterstattung. Das lässt die Autorin des ZDF-Beitrags, Güner Balci, nicht auf sich sitzen und greift wiederum OB Kurz in einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung scharf an:

Als gebürtige Hauptstädterin vergleicht die Fernsehjournalistin die Mannheimer Neckarstadt mit Berlin-Neukölln und lässt dabei den Oberbürgermeister der Quadratestadt nicht gut aussehen:

Ein vergleichbarer Beitrag über Neukölln soll dazu geführt haben, dass der zuständige Bürgermeister darum bemüht ist, Familien aus Schrott-Immobilien besser unterzubringen. Demgegenüber wird in Mannheim versucht, den für den Beitrag verantwortlichen Journalisten zu verunglimpfen – urteilt die Autorin.

Sozialer Brennpunkt in Mannheim: Razzia in der Neckarstadt-West (Oktober 2019).

Weiterhin verteidigt Balci ihre Reportage gegen den Vorwurf von Kurz, der Beitrag sei ein „Zerrbild am Rande der Absurdität”: „Dem kann man nur entgegenhalten, dass die Selbstdarstellung der Stadt in Bezug auf die Neckarstadt-West sich für Kenner des Stadtteils wie reine Satire liest“, kritisiert die Fernsehredakteurin.

Stadtteil (Mannheim) Neckarstadt-West
Fläche:9,94 km²
Einwohner: 22.388 (31. Dez. 2015)
Bevölkerungsdichte:2.252 Einwohner/km²

Mannheim: ZDF zeigt Schock-Report über Neckarstadt – jetzt hagelt es heftige Kritik

Erstmeldung vom 8. Juli: Journalistin, Fernsehredakteurin und Schriftstellerin – Güner Yasemin Balci ist alevitische Deutsche und befasst sich in ihren Reportagen kritisch mit der Situation von Migranten in der deutschen Gesellschaft. Für das ZDF-Magazin „37 Grad“ hat sie nun dem Mannheimer „Problemviertel“ Neckarstadt-West einen Beitrag gewidmet. In „Zwei Quadratkilometer Stress“ zeichnet die Autorin das Bild eines hoffnungslos verwahrlosten, kriminellen und von Armutsprostitution geprägten Stadtteils. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie werden diese Probleme noch weiter verschärft.

Mannheim Neckarstadt-West: Drei engagierte Menschen erzählen von ihrem Alltag

Im Mittelpukt von „Zwei Quadratkilometer Stress“ steht das außergewöhnliche Engagement von Einzelpersonen, die sich gegen den Niedergang der Neckarstadt-West stemmen.

Peter Deffaa ist Schulleiter an der Neckar-Grundschule und beobachtet wie jährlich immer mehr Kinder aus sehr armen bulgarischen und rumänischen Familien hinzukommen. Seit den Shutdown machen der Schulleiter und sein Team Hausbesuche und versorgen die ärmsten Familien mit Tablets, damit der digitale Unterricht umgesetzt werden kann. Doch schon die Einhaltung der Schulpflicht ist für Deffaa ein täglicher Kampf – der Schulleiter berichtet von zahlreichen massiven Verstößen.

Ich habe die Angst, dass sich die kriminellen Machenschaften zementieren und wir irgendwann eine große Mauer durch die Neckarstadt ziehen müssen.

Peter Deffaa, Schulleiter an der Neckar-Grundschule

Stefan Semel kämpft mit seinem Verein „AUFWIND e.V.“ seit über 15 Jahren für benachteiligte Kinder und deren Bildungschancen. Viele Kinder sind durch Gewalterfahrungen traumatisiert und können sich während der Corona-Pandemie nicht in den Vereinsräumlichkeiten aufhalten. So halten sich die Kinder in ihrer Freizeit auf jenen Straßen auf, die sich osteuropäische und orientalische Clans sowie deutsche Rockerbanden aufgeteilt haben.

Julia Wege stellt sich Im Hilfeprojekt „Amalie“ Armutsprostitution entgegen. Frauen aus Südost-Europa werden in der Neckarstadt-West systematisch ausgebeutet und buchstäblich versklavt. Durch den Corona-Lockdown häufen die Prostituierten horrende Mietschulden bei den Zuhältern an. Hierfür müssen sie dann 200 bis 250 Freier monatlich „abarbeiten“, ohne etwas zu Essen zu haben.

Mannheim Neckarstadt-West: Versagt die Politik im Kampf gegen kriminelle Strukturen?

Alle drei Protagonisten werfen der Politik Versagen vor, wobei Schulleiter Peter Deffaa eine düstere Prognose macht: „Ich habe die Angst, dass sich die kriminellen Machenschaften zementieren und wir irgendwann eine große Mauer durch die Neckarstadt ziehen müssen.“

Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz äußert sich zur ZDF-Reportage „Zwei Quadratkilometer Stress“

Nach Ansicht von Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz wird das Bild der Neckarstadt-West in dem ZDF-Beitrag verzerrt dargestellt. Unter einem wütenden Facebook-Post eines Mannheimer Verlegers über die „Zustände“ im Stadtteil, antwortet das Stadtoberhaupt: „Das Bild einer tatenlosen Verwaltung, das hier – wieder besseres [sic] Wissens – gezeichnet wurde, ist absichtsvoll tendenziös.“ Zugleich kritisiert Kurz indirekt jene Bürger, die die Aufwertung der Neckarstadt-Immobilien als Gentrifizierung für Besserverdiener brandmarken.

Auch die Mannheimer SPD-Fraktion reagiert auf die Neckarstadt-Reportage. „Die Aufgaben in der Neckarstadt sind groß. Das ist richtig. Aber die positiven Entwicklungen in der Neckarstadt finden im Beitrag keinerlei Erwähnung“, heißt es in einer Mitteilung vom Mittwoch. Dazu gehörten laut SPD zum Beispiel die Ansiedlung des MARCHIVUM, die Lichtmeile, das Volksbad oder die Aufwertung des Neumarkts. „Unabhängig davon, dass nicht alle Projekte und Entwicklungen in so einer Reportage aufgegriffen werden können, zeigen sie jedoch, dass das Bild von einem Stadtteil aus dem die Stadt, die Politik und die Zivilgesellschaft sich weitestgehend zurückgezogen haben, ein verzerrtes und irreführendes ist“, so die Vertreter der SPD. Diese Seite der Neckarstadt-West sei in der ZDF-Reportage bewusst weggelassen – und der Stadtteil als „Elendskulisse“ missbraucht worden.

Mannheim Neckarstadt-West: Polizei-Razzien decken Ausbeutung auf

Knapp 70 Prozent der Menschen in der Neckarstadt-West haben einen Migrationshintergrund. Tausende Armutseinwanderer aus Osteuropa leben auf engsten Raum in regelrechten Bruchbuden zu Wuchermieten.

Bei einer zuletzt durchgeführten Polizei-Razzia ist dies abermals klar geworden. Am 1. Juli durchsuchen die Beamten wieder einmal Wohnungen und Gewerbebetriebe in der Neckarstadt. Die Polizei Mannheim spricht in einer Pressemitteilung von einem Sondereinsatz im Rahmen der Aktion #SichereNeckarstadt.

Mieter zahlen für ein Bett auf zehn Quadrameter in schimmligen Zimmer bis zu 350 Euro. Die Ausgebeuteten nehmen das lediglich aus einen Grund im Kauf: Sie haben Familien in Bulgarien, denen es oft noch schlechter geht, und die sie versorgen müssen. Aus Angst vor den kriminellen Vermietern wollen sie ihr Leid jedoch nicht öffentlich machen.

Nur wenige Tage nach der Ausstrahlung der Reportage wird in der Neckarstadt-West ein Mann in der Mittelstraße mit einem Messer ermordet (15. Juli). Es ist der zweite Mordfall binnen wenige Tage. Zuvor ist die Leiche eines Mannes in einer Wohnung gefunden worden. (esk)

Rubriklistenbild: © Mannheim24 & Uwe Anspach/dpa & Tobias Hase/dpa

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