Gewerbegebiet in Neckarstadt-West

Mannheim: Nachtmarkt in Industriestraße – wird das die neue Partymeile in der Neckarstadt?

Der Nachtmarkt in Mannheim: Party unter Einhaltung der Corona-Regeln auf dem Gelände des alten Stromwerkes.
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Der Nachtmarkt in Mannheim: Party unter Einhaltung der Corona-Regeln auf dem Gelände des alten Stromwerkes.

Mannheim-Neckarstadt-West – Partytourismus in Wohnvierteln ist grundsätzlich problematisch. Nun startet der Nachtmarkt im Gewerbegebiet. Verlagert sich das Nachtleben in die Industriestraße?

  • Nachtmarkt in Mannheim: Party in Zeiten des Coronavirus auf dem Gelände des alten Stromwerkes.
  • Wird die Industriestraße in der Neckarstadt-West zur neuen Partymeile?
  • Nachtmarkt soll Gastronomen und Anwohner im Jungbuschentlasten“.
  • Trotz Zuspruch für die Initiative gibt es auch Kritik an der „Gentrifizierung“.

Vor zehn Jahren hat im Mannheimer Rathaus ein ambitionierter Plan auf dem Tisch gelegen: Das Nachtleben der Quadratestadt soll aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden, denn zu diesem Zeitpunkt eilt Mannheim nicht gerade der Ruf voraus, eine Ausgehstadt zu sein. Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz will daher die Industriestraße in der Neckarstadt-West zur neuen Partymeile aufwerten – doch daraus ist bekanntlich nichts geworden. Vor allem ortsansässige Unternehmer leisten vehementen Widerstand gegen die bevorstehende Invasion der Party-Touristen und schicken schriftliche Einwände ans Rathaus. Der Plan für ein Ausgehviertel in der Industriestraße verschwindet wieder in der Schublade.

Mannheim: Jungbuschstraße avanciert zur Partymeile

Eine Dekade später hat sich das Bild ins komplette Gegenteil verkehrt: Mannheim ist eine „Ausgehstadt“. Anders als ursprünglich geplant, hat sich in den vergangen Jahren die Jungbuschstraße zur ultimativen Partymeile entwickelt. Eine Bar reiht sich an die andere – sehr zum Ärger der lärmgeplagten Anwohner.

Die Jungbuschstraße avanciert zum Zentrum der Partyszene (Archivbild).

Durch das eingeschränkte Angebot an Ausgehmöglichkeiten im Zuge der Corona-Pandemie wird vor allem der Verbindungskanal im Jungbusch zum Anziehungspunkt für Feierwütige – nächtliches Geschrei, Pöbeleien, Erbrochenes und Müllberge inklusive.

Mannheim: Nachtmarkt in der Neckarstadt-West soll Jungbusch „entzerren“

Um für existenzbedrohte Gastronomen und strapazierte Anwohner im Jungbusch Abhilfe zu schaffen, startet nun der neue „Nachtmarkt“ auf dem Gelände des ehemaligen Stromwerks. Das Areal ist im Besitz der Immobilien-Firma Hildebrandt & Hees GmbH und befindet sich am Rande der Industriestraße.

Aufgrund der Corona Situation und der damit verbunden Einschränkungen beim Nachtleben, haben wir uns entschieden die Fläche der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen“, so Geschäftsführer Marcel Hauptenbucher gegenüber MANNHEIM24.

Erst kürzlich hat Hildebrandt & Hees das Grundstück samt historischem Gebäude erworben und plant dort im nächsten Jahr ein Kreativ-Campus zu errichten. Aber bis es soweit ist, wird den Einwohnern der Quadratesstadt die Möglichkeit geboten, unter „Corona-konformen“ Bedingungen zu feiern.

Mannheim: Nachtmarkt wird von allen Seiten begrüßt

Ob Stadtverwaltung, Politker oder Nachtbürgermeister, alle relevanten Akteure in Mannheim begrüßen die Initiative des Nachtmarktes.

Aufgrund der aktuellen Situation fehlen soziale Begegnungsorte wie zum Beispiel Clubs, Livemusikspielstätten und Diskotheken. Das alte Stromwerk bietet die Chance, eine nicht genutzte Fläche in kürzester Zeit zu bespielen und dort ein diverses Angebot verschiedenster Akteur*innen zu schaffen“, so der neue Nachtbürgermeister Robert Gaa.

Mannheim: Nachtmarkt in der Neckarstadt-West soll Jungbusch „entzerren“.

Auch der stellvertretende Vorsitzende des Mietervereins Mannheim bewertet den Nachtmarkt positiv: „Der Nachtmarkt stellt eine tatsächliche vorübergehende Entlastung des Jungbusches dar; diese Entlastung war auch mehr als nötig, da es zunehmend zu Spannungen zwischen Bewohner*innen und Party-Publikum kam: Niemand ist froh über nächtelangen Lärm und vollgekotzte Flure“, sagt Karlheinz Paskuda.

Mannheim: Trotz Nachtmarkt-Initiative – Kritik am Gentrifizierungsprozess

Auf der anderen Seite kritisiert der Experte für Wohnungspolitik in Mannheim die Zusammenarbeit der Stadt Mannheim mit Hildebrand & Hess und prangert die Gentrifizierungspraxis an.

Bereits 23 Häuser hat die Immobilien-Firma im Jungbusch aufgekauft: „Sie alle werden spätestens nach Auszug der jeweiligen Mieter*innen renoviert und dann zu Mieten vom elf bis 14 Euro kalt neu vermietet, wodurch ein Austausch der bisherigen Bevölkerung durch reichere Bevölkerungsschichten stattfindet“, so Paskuda.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der Jungbusch als Mannheimer Ausgehviertel langfristig überhaupt eine Zukunft hat. Denn es ist kaum vorstellbar, dass 3-Zimmer-Wohnungen für eine vierstellige Kaltmiete derzeit im Jungbusch vermittelbar sind.

Besser Betuchte werden es sich zweimal überlegen, ob sie in einem hippen Szeneviertel wohnen wollen, wenn alkoholbedingtes Gegröle auf den Straßen bis in die frühen Morgenstunden zum Alltag gehört.

Mannheim: Verlagert sich das Nachtleben aus dem Jungbusch in die Industriestraße?

Ist also die Nachtmarkt-Initiative der Startschuss für einen langfristigen Plan, das Nachtleben aus dem Jungbusch in die Industriestraße zu verlagern? „Nein“, antwortetet Hauptenbucher und fügt hinzu: „es soll aktuell die Situation im Jungbusch entspannen und langfristig ein weiteres Angebot sein.“

Auch für Karlheinz Paskuda fallen Prognosen, wonach das Mannheimer Nachtleben in die Industriestraße abwandern könnte, in das Reich der Spekulationen. Seiner Einschätzung nach sind Studenten aus wohlhabenden Familien das bevorzugte Klientel von Hildebrand & Hees. Finanziert durch die Eltern sollen sie die renovierten Wohnungen im Jungbusch beziehen.

Für die alteingesessenen „Jungbuschler“ macht das keinen Unterschied. Ob durch Lärm oder horrende Mieten – sie werden aus ihrer Heimat verdrängt. (esk)

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