Entscheidung fällt noch diese Woche

Mannheim: Stunk um Marktplatz-Gestank – werden Grills jetzt verboten?

Mannheim: 22 Grill- und Kebab-Restaurants gibt es rund um den historischen Marktplatz. Anwohner klagen seit Jahren über die Rauch-Belästigung. Am Dienstag diskutiert der Gemeinderat über eine Veränderungssperre:

Update vom 3. November, 15 Uhr: Der Rauch der Grill- und Kebab-Restaurants sorgt weiterhin für jede Menge Gesprächsstoff. Nachdem ein Gutachter herausgestellt hat, dass die Rauchbelästigung am Marktplatz viel zu hoch ist, soll nun die weitere Ausbreitung von Grills in Restaurants verboten werden. Am Dienstag (3. November) wird der Gemeinderat über eine Veränderungssperre entscheiden.

Ziel dieser Sperre ist es, „die Neuinstallation weiterer Grills in Gaststätten zu verhindern“, heißt in der Beschlussvorlage der Stadtverwaltung Mannheim. „Damit soll im Sinne der Vorsorge eine weitere Verschlechterung der Situation, soweit auf diesem Wege möglich, verhindert werden“, heißt es weiter. Wenn der Beschluss genehmigt wird, dürfen neue Anlagen nur noch mit einer Genehmigung errichtet werden. Das Plangebiet umfasst die Quadrate K1 bis K3, I1 bis I3, H1 bis H3, G1 bis G3, F1 bis F3, U1, T1, S1, R1 und Q1. 

Mannheim: Rauchbelästigung am Marktplatz – neues Gutachten ist alarmierend

Update vom 24. Juni, 16:20 Uhr: Für die einen ist der Mannheimer Marktplatz der Inbegriff für Genuss, Leckereien und Gaumenschmaus: Von klassischen Döner bis hin zum exquisiten Lammspieß kommen Fleischenthusiasten hier voll auf ihre Kosten. Doch für viele andere sind die zahlreichen Restaurants am Marktplatz ein Dorn im Auge – der zudem einen beißenden Geruch in der Nase hinterlässt. Konkret geht es um die 22 Grill- und Kebab-Restaurants an und um den Marktplatz, von denen viele mit Holzkohle kochen und grillen. Seit Jahren beschweren sich Anwohner über üble Gerüche aus Grill- und Döner-Restaurants und einige haben Angst um ihre eigene Gesundheit.

Seit Jahren herrscht ein zerstrittenes Hin und Her zwischen Anwohnern, Restaurantbetreibern und der Stadt Mannheim, das bisher ins Leere führte. Doch das soll sich bald ändern, denn jetzt wurde ein neues Gutachten vorgelegt, was schwarz auf weiß besagt, dass die gemessene Geruchshäufigkeit in der Spitze fast doppelt so hoch sei wie erlaubt. Der Gutachter, Matthias Rau vom Heilbronner Ingenieurbüro „metsoft“, erklärte, dass es an 1752 Stunden im Jahr oder fast fünf Stunden am Tag „am Marktplatz und seiner Umgebung Gerüche deutlich wahrnehmbar seien“. Dies sei eine Häufigkeit von 20 Prozent, was die 10 Prozent Hürde der Geruchsimmissionsrichtlinie deutlich überschreitet.

Rau untersuchte hierbei auch, wer den meisten Rauch emittiert und am meisten stinkt: Die wichtigste Quelle seien Holzkohlegrills gefolgt von Dönerspießen. Irrelevant für die Geruchsbelästigung am Marktplatz seien die Brotöfen. Erschwerend komme hinzu, dass die Bebauung um die Kamine vieler Restaurants sehr ungünstig sei und eine Abströmung verhindere. Bei „ungünstigen Wetterlagen“ würden außerdem Abluftfahnen nach unten „gedrückt“ werden.

Rau empfiehlt daher, die Ansiedlung weiterer Grillrestaurants zu verhindern. Außerdem sei es wichtig, Wege zu finden, Emissionen zu reduzieren – denkbar wären hier sehr hohe Kamine und regelmäßige Reinigung. Das Thema gewann vergangene Woche zusätzlich an Brisanz, als bekannt wurde, dass das Café Journal bald schließen soll. Wo einst das traditionsträchtige Café direkt am Marktplatz stand, soll nun ein weiteres türkisches Grillrestaurant eröffnen.

Mannheim: Anwohnern stinkt’s: Ärger über Rauch von Kebab-Grills am Marktplatz

Ob Istanbul, Köln oder Mannheim – wo es Liebhaber gegrillter Kebabs gibt, sind auch Probleme mit Qualm und Geruch nicht weit. In Mannheim säumen 16 Kebab-Restaurants den historischen Marktplatz. Von den Ausdünstungen der Holzkohlegrills haben Anwohner schon lange die Nase voll. Sie können im Sommer ihre Balkone nicht nutzen und ihre Fenster nicht öffnen. Die Markthändler klagen seit Jahren darüber, „geräuchert“ zu werden. 

Mannheim: Ärger über Rauch von Kebab-Grills

Auch in Göppingen, Köln und vielen anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen gibt es Stunk wegen der Luftverschmutzung durch Kebab-Läden. Derzeit suchen in Mannheim und Köln Gastronomen und Privatleute, zum Teil von der Kommune unterstützt, nach technischer Hilfe. 

Im Prinzip setzt man auf wohlwollende Restaurantbetreiber, die geeignete Filteranlagen einbauen und andere mitziehen. In Köln läuft die Initiative unter dem Motto „Lecker Kebab mit sauberer Luft“. 

Mannheim: Anlagen sollen Qualm und Geruch beseitigen

Auch in Mannheim kommt Bewegung in die Sache. Betriebsleiter Yilmaz Akilmak will sein „Lale“ zum „Musterrestaurant“ machen. In der Türkei hat er eine elektrostatische Anlage entdeckt, die nicht nur dem Qualm, sondern auch dem Geruch ein Ende bereitet. Kostenpunkt: 30.000 Euro. Zuvor habe er bereits 125.000 Euro für eine Entlüftungsanlage ausgegeben, doch diese habe den Geruch nicht beseitigen können. 

Nicht jeder will nach Döner riechen“, sagt er. Sobald ein Finanzierungskonzept steht, will er bei der Stadt Druck machen, damit sie sich beteiligt. „Wir bezahlen doch auch Gewerbesteuer und beschäftigen rund 300 Menschen“, sagt der Geschäftsmann. Dass die Stadt Geld locker macht, ist jedoch unwahrscheinlich. Denn dort heißt es: „Die Kosten trägt der Restaurant-Betreiber.“ 

Mannheim: Hohe Schornsteine für Stadt keine Lösung

Zuvor hatte die Stadtverwaltung die Idee verworfen, die Schornsteine zu erhöhen, damit der Rauch sich besser verflüchtigt. Dafür wären aber Schornsteinhöhen von sechs bis acht Metern über dem Dachfirst erforderlich. Diese würden das Stadtbild beeinträchtigen und statische Probleme verursachen, argumentiert die Stadt.

Anwohner ärgern sich über Rauch von Kebab-Läden am Marktplatz.

Im Mai kommt es in einem Restaurant am Marktplatz in Mannheim zu einem Kaminbrand, den die Feuerwehr aber schnell löschen kann. 

Mannheim will Geruchsgutachter auf Marktplatz schicken

Andere Maßnahmen hält die Stadt Mannheim für erfolgversprechender: ein lokales Verbrennungsverbot sowie ein Geruchsgutachten. Dazu begeben sich Experten zum Schnüffeln auf den Marktplatz und tragen bis Ende des Jahres ihre Geruchserlebnisse zusammen. Wenn sie nachweisen, dass ein einzelnes Restaurant beträchtliche Belastung verursacht, müssen die Betreiber Maßnahmen nach dem Stand der Technik ergreifen. 

Schon zum Jahreswechsel hatte sich in Mannheim eine Bürgerinitiative gebildet, die gegen den Rauch der Kebab-Läden vorgehen will. Ein Gutachten sollte damals die Lösung bringen. 

Derzeit wird in Mannheim auch der Auftritt eines syrischen Sängers und Assad-Sympathisant diskutiert. Die Stadt Mannheim erhält deshalb tausende Mails innerhalb weniger Tage.

Mannheim: Feinstaubbelastung durch Kebab-Grills?

Doch wie sieht der bei der Emissionsminderung aus? Mit einem vom Umweltbundesamt beim Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Auftrag gegebenen Forschungsprojekt sollen bis Ende 2020 die Grundlagen erarbeitet werden, um diese Frage beantworten zu können. Dazu verbraucht das Forscherteam bis zu einer halben Tonne Grillgut – Fleisch, Fisch und Gemüse. 

Das Thema Rauch beschäftigt auch die baden-württembergische Landesregierung. Sie will mit einer Bundesratsinitiative durchsetzen, dass Schornsteinöffnungen über dem First und firstnah liegen, damit der Rauch vernünftig abziehen kann. Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) sagt: „Das klingt selbstverständlich, aber die Praxis zeigt, dass es das nicht ist.“ 

Der Bund hat nach anfänglicher Ablehnung im Juli zugesagt, den Vorschlag zu prüfen. Für den Kölner Bezirksbürgermeister Andreas Hupke dauert das alles viel zu lange. Schon vier Jahre kämpft er im Multi-Kulti-Viertel Eigelstein dafür, dass Anwohner und Beschäftigte der Restaurants wieder durchatmen können. Hupke ist überzeugt: „Grillrauch ist Superfeinstaub.“ Mit dem Problem werde er von der Politik absolut alleingelassen. 

Mannheim: Holzkohlegrills von Feinstaub-Regelung ausgenommen

Während die Luftverpestung in Mannheim sogar den Petitionsausschuss des Landtags auf den Plan rief, habe er keinerlei politische Mitstreiter für gesetzliche Schritte – etwa Grenzwerte für Feinstaubemissionen aus Restaurants mit Kohlefeuerung. 

Denn an Holzkohlegrills werden wegen einer Ausnahmeregelung im Bundesimmissionsschutzgesetz keine definierten Anforderungen etwa hinsichtlich der Emissionen gestellt. Deshalb unterliegen die offenen Feuerstellen auch keinen messtechnischen Überprüfungen durch den Schornsteinfeger

Mannheim: „Grillrauch macht krank“

Einer der wenigen Mitstreiter Hupkes ist der Kinderarzt Christian Döring. Der ist überzeugt: „Grillrauch macht krank.“ Beim Verbrennen des Fleisches entstünden kleinste schwebende Partikel, auf denen sich dioxinartige Stoffe anlagerten. „Dieser Ultrafeinstaub - 500 mal kleiner als ein Haar - gelangt über die Atmung in die Blutbahn und verklumpt dort die Blutplättchen.“ 

Die Folge: erhöhtes Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Überdies könne der feine Feinstaub Asthma, eine Schwächung der Immunkräfte und das Entstehen von Krebs verursachen. Werdende Mütter, die feine Feinstäube einatmeten, liefen Gefahr, untergewichtige Babys zu bekommen. 

Der Arzt ist neuerdings aber zuversichtlich, die Gefahrenquelle unter Kontrolle zu bringen. Er hofft auf die Zusagen der sechs Eigelsteiner Gastronomen, bei denen das Fleisch auf Kohle brutzelt. Sie tüfteln derzeit gemeinsam mit einem Ingenieur an einer Kombination von Fettabscheider und Feinstaubfilter – ähnlich der Anlage, die in Mannheim für reine Luft sorgen soll. Döring meint: „Vielleicht wird in absehbarer Zeit auch Kebab-Genuss ohne giftigen Ruß möglich sein.

dpa/rmx

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