„Kein Dach über dem Leben“

Deutschlands berühmtester Obdachloser kommt aus Mannheim

+
Richard Brox, ein 53-jähriger Obdachloser aus Mannheim, mischt die Büchercharts auf. 

Mannheim - Richard Brox hat es geschafft, würden jetzt so manche sagen. Er schreibt ein Buch, ermöglicht seinen Lesern Einblicke in die Notstände auf der Straße. 

Der Mannheimer Obdachlose Richard Brox ist mit seiner Biographie „Kein Dach über dem Leben“ in den deutschen Büchercharts. Man könnte meinen, dass er es jetzt geschafft hat von der Straße wegzukommen. Doch er möchte die Einnahmen lieber seinen Leidensgenossen zugute kommen lassen.

In seinem Buch prangert er die unmenschlichen Bedingungen an, unter denen Obdachlose leben - gar überleben - müssen: „Oft sind die Betten feucht vom Urin des Vorgängers, und die Toiletten haben keine Türen“, schildert der gebürtige Mannheimer. „In vielen Einrichtungen werden Obdachlose behandelt wie der letzte Dreck. Menschenunwürdig ist das!

„Jeder Mensch braucht eine Chance. Manche brauchen auch eine zweite.“

Seit 30 Jahren führt Brox ein Leben auf der Straße - jetzt schreibt er es nieder in „Kein Dach über dem Leben“. Eine schnörkellose Abrechnung mit Behörden und auch mit sich selbst, ohne falsche Freiheitsromantik der Streunerszene gegenüber. 

Das Straßenleben ist brutal hart, man muss alles erkämpfen“, sagt der 53-jährige Brox. 

Auch wenn sein Buch bereits in die Bestsellerlisten klettert, hat er immer noch keinen festen Wohnsitz. Vom Tellerwäscher zum Millionär - ein solches Aufsteigermärchen ist die Geschichte von Richard Brox nicht. Er möchte von den Einnahmen des Buches nichts behalten: 

Ich will die Tantiemen in eine hospizähnliche Betreuungsform legen“, betont er. Meist stirbt ein Obdachloser, der an Krebs oder Aids erkrankt ist, einsam in einer Klinik. „Diese Menschen will ich auf ihrem letzten Weg begleiten.“ Trotz des Buches ist der 53-Jährige für sein Projekt auf Spenden angewiesen

Die bewegte Geschichte des Richard Brox

An diesem kalten Märztag streift Brox durch seine Heimatstadt Mannheim. Er ist erkältet, hustet und schnäuzt. „Es war eiskalt im Schlafsaal“, schildert er. 

Die Quadratestadt ist für Brox gleichzeitig Inspiration und Schmerz. Hier nahm er als Jugendlicher erstmals Kokain, und hier verlor er 1986 kurz nach dem Tod der Eltern die Wohnung durch Zwangsräumung. „Das war der wegweisende Schritt, der alles Schlimme auf einen Punkt brachte“, sagt Brox. 

Hätte die Stadt Mannheim meine Hilferufe gehört, wäre es nicht so weit gekommen.“

Die Drogensucht finanzierte Brox mit Kurierdiensten von einem Dealer zum anderen. Er geriet mit dem Gesetz in Konflikt, auch wegen Schwarzfahrens, ließ sich auf Tricks bei Banken ein und wurde wegen Betrugs verurteilt. 

Ende November 1989 steht Brox auf der Kurpfalzbrücke in Mannheim und denkt an Selbstmord. Statt zu springen, fährt er zum Landesklinikum nach Heidelberg und macht einen Entzug. Im Sommer 1990 ist er clean. Sein Ziel: Die neuen Bundesländer. „Im Osten war gerade die Mauer gefallen - und bei mir quasi auch“, sagt Brox. 

Die 90er beschreibt er als pures Glück, dann wird seine Freundin schwanger. Ein guter Zeitpunkt, um ins bürgerliche Leben zurückzukehren. Brox verpasst ihn. „Ich war im Kopf noch nicht reif dafür.“ Er verlässt die Mutter vor der Geburt des Kindes, zu seiner Tochter hat er keinen Kontakt. Dass er seine Freundin verlassen hat, erklärt er mit Dämonen seiner Kindheit: 

Brox' Eltern waren beide im Konzentrationslager und vom Krieg traumatisiert. Das Verhältnis zum Kind war schwierig. In der Wohnung schlief der kleine Richard im Flur. „Es war die pure Trostlosigkeit, ich habe sehr gefroren - innerlich und äußerlich.“ 

„Hoteltest für Arme“

In der Szene gilt Brox längst als Sprachrohr der Obdachlosen. Sich selbst bezeichnet er oft als „Reisender ohne Heimat“. Seit 1999 führt er im Internet Buch über Notunterkünfte in Deutschland und benotet sie. „Das ist eine Art Hoteltest für Arme“, sagt Brox lachend.

Was er sich wünscht? „Bessere Notunterkünfte, die 24 Stunden lang betreut werden, und die Abschaffung der Mehrbettzimmer.“ Viele Menschen, die im Freien übernachten, kommen erst gar nicht in diese Aufnahmestellen - sie fürchten sich vor Gewalt und Beleidigungen. „Wer aber Schutz braucht“, sagt Brox, „muss ihn bekommen.“

Du willst unbedingt reinlesen? Hier geht's zur Leseprobe von „Kein Dach über dem Leben“!

dpa/hew

Mehr zum Thema

Kommentare