Das Ausgehviertel von Mannheim

Party-Exzesse im Jungbusch: Gewalt und Vermüllung – „Ich war entsetzt...“

Verbindungskanal im Mannheimer Jungbusch: Surfrider-Poster hängt an einer Straßenlaterne.
+
Mannheimer Jungbusch: Kippt die Partystimmung im Ausgehviertel?

Mannheim – Seit Jahren strömen jedes Wochenende tausende Nachtschwärmer in das Ausgehviertel im Jungbusch. Selbst die coronabedingte Schließung von Bars und Clubs hindert sie nicht daran. Kippt jetzt die Partystimmung im Kiez?

  • Der Mannheimer Stadtteil Jungbusch ist seit Jahren das Ausgehviertel der Stadt.
  • Wegen der Coronavirus-Pandemie mussten auch im Jungbusch alle Bars und Clubs schließen.
  • Seitdem versammeln sich viele Feierwütigen am Verbindungskanal hinter der Popakademie und verärgern dort Anwohner und Polizei.

Über die Jahre hat sich der Mannheimer Jungbusch zu dem Ausgehviertel schlechthin gewandelt. Jedes Wochenende tummeln sich unzählige Menschen in der Jungbuschstraße, um in den hippen Bars Freunde zu treffen und zu entspannen. Oftmals beginnt – und manchmal endet – eine Nacht im Jungbusch am Verbindungskanal hinter der Popakademie, wo das überwiegend junge Publikum zusammenkommt und mit einem Bier von der nahegelegenen Aral-Tankstelle für den Abend im Jungbusch „vorglüht“.

Seitdem die Coronavirus-Pandemie auch in Mannheim grasiert und alle Bars und Clubs schließen mussten, wird der Verbindungskanal im Jungbusch nicht nur zum Vor- oder Nachglühen besucht, sondern für die eigentliche Party. Und wie nach jeder guter Party, kommt am nächsten Tag der Kater: Völlig zugemüllte Wiesen, aggressive Stimmung im Kiez und verärgerte Anwohner.

Mannheimer Jungbusch: Kippt die Partystimmung im Ausgehviertel? Aufräumaktion am Kanal macht Hoffnung

Der Verbindungskanal zwischen Neckar und Rhein verläuft parallel zur Hafenstraße hinter Aral-Tankstelle, Popakademie und dem Hafen 49. Seit Jahren befinden sich dort zahlreiche Sitzgelegenheiten, wo viele „Buschler" inmitten bestem Mannheimer Industriecharme ihr Feierabendbier genießen. Hinter dem Studierenden-Wohnheim in Richtung Neckar, säumt ein langer Holzsteg das Kanalufer, der zum Verweilen einlädt. Tagsüber trifft man hier hauptsächlich auf Studierende, die hier Kaffee (oder manchmal auch Radler) schlürfend in der Sonne lesen.

Seitdem es coronabedingt keine Ausgehmöglichkeiten mehr gibt, verwandelt sich das Stück hinter Popakademie und Wohnheim an Wochenenden in eine große Openair-Party-Meile. Dementsprechend sieht es dort am nächsten Tag auch aus. Als Uwe Franken vor einigen Wochen bei seiner morgendlichen Jogging-Runde hier vorbeigekommen ist, war er erst mal schockiert. Überall lagen Flaschen und leere Pizzakartons – von den hunderten Zigarettenstummeln ganz zu schweigen.

Mannheim: Müll im Jungbusch – „Ich war entsetzt, wie schlimm das ist“

Franken ist bei der „Surfrider Foundation Europe“, die sich für den Schutz von Gewässern einsetzt. Die Regionalgruppe „Surfrider Baden-Pfalz“ veranstaltet seit mehreren Jahren sogenannte „CleanUps“ in der Region, wo Freiwillige gemeinsam Müll am Rhein, am Neckar oder an Seen aufsammeln. Im Interview mit MANNHEIM24 erklärt Franken, dass ihm das Ausmaß der Vermüllung am Verbindungskanal nicht bewusst war, bis er selbst vor Ort gewesen ist: „Ich war entsetzt, wie schlimm das ist“, sagt Franken über die Lage am Kanal.

So viel Müll sammelten die Surfrider am Verbindungskanal im Mannheimer Jungbusch.

Franken konnte das nicht auf sich sitzen lassen und organisierte einen „spontanen CleanUp" bei dem er mit vier anderen Freiwilligen den Party-Müll am Verbindungskanal aufsammelte. Im Gespräch mit MANNHEIM24 sagt Franken, dass der Verbindungskanal zwar noch nie der sauberste Fleck in Mannheim gewesen ist, aber die aktuellen Ausmaße seien schon erschreckend. Abgesehen von der unschönen Umgebung, lande auch viel Müll im Kanal, der dann in Rhein und Neckar gelangen könnte.

Doch die Surfrider wollten es nicht bloß bei der Aufräumaktion belassen und druckten kurzerhand Poster, die sie dann überall im Jungbusch aufhingen. Auf den Postern ist eine Aufschrift mit „SHAME ON YOU JUNGBUSCH-PARTY-PEOPLE – HALTET EURE PROMENADE SAUBER“ (deutsch: Schämt euch Jungbusch Partyvolk) zu sehen und im Hintergrund ist ein Foto mit dem aufgesammeltem Müll zu sehen. Franken und die anderen Surfrider hoffen, dass sie mit den Postern einen Nerv getroffen haben und die Feiernden am Kanal ihren Müll das nächste Mal mitnehmen.

Mannheim: Nachtbürgermeister schlägt durchgängige Beleuchtung am Verbindungskanal vor

Auch Nachtbürgermeister Hendrik Meier sagt auf Anfrage von MANNHEIM24, dass gerade jetzt viele junge Menschen den öffentlichen Raum aufsuchen und dieser auch im Jungbusch „zunehmend vermüllt“. Zwar habe die Abfallwirtschaft der Stadt Mannheim zusätzliche Tonnen aufgestellt, allerdings seien diese durch fehlende Beleuchtung bei Nacht schwer auffindbar. Er plädiert daher, auf eine durchgängige Beleuchtung am Verbindungskanal. Es soll außerdem einen neuen Job geben mit dem Titel „Nachtschicht".

Mannheim: Kippt die Stimmung im Jungbusch? Bewohner sorgen sich wegen aggressiver Stimmung

Momentan ist es am Verbindungskanal nämlich so, dass um Punkt 23:00 Uhr die Straßenbeleuchtung ausgeht. Das ist nicht nur wegen den Mülleimern ein Problem, sondern auch weil im Dunkeln die Stimmung schon gekippt ist. Auch deswegen will Hendrik Meier, dass die Straßenlaternen am Verbindungskanal die ganze Nacht brennen. Da so viele Menschen momentan auf den öffentlichen Raum ausweichen, sollte der Aufenthalt an bestimmten Orten „nicht nur toleriert, sondern auch ermöglicht werden“, erklärt der Nachtbürgermeister Mannheims. Eine durchgehende Straßenbeleuchtung sei ein erster Schritt und „würde deutlich zu einer Deeskalation beitragen.“

Mannheim: Das ist die Strategie der Polizei im Jungbusch

Wer an den vergangenen Wochenenden im Jungbusch war, wird die erhöhte Polizeipräsenz im Jungbusch deutlich gespürt haben. Egal wohin man hinsieht: Streifenwagen, Fußstreifen und der Kommunale Ordnungsdienst, die für Recht und Ordnung im Kiez sorgen. Auch am „Tor zum Jungbusch“ am Luisenring, stehen viele Polizeibeamte, die als „Kommunikationsteam“ dort agieren. Auf Anfrage von MANNHEIM24 erklärt ein Sprecher der Polizei Mannheim, dass die Polizei eine simple Strategie verfolge:  „Dialog – Deeskalation – konsequentes Einschreiten“. Die Beamten wollen so negative Vorfälle „im Keim ersticken“ oder zumindest reduzieren.

Am 12. Juli scheint die Strategie der Mannheimer Polizei leider nicht aufgegangen zu sein, als ein junger Mann Polizisten anpöbelte und mit Bierflaschen nach ihnen geworfen hat. Am 26. Juli wird ein junger Mann in der Jungbuschstraße verprügelt. Auch der gemeinnützige Verein „Kulturbrücke Jungbusch e.V.“ spricht in einem Facebook-Post von Auswüchsen am „neuen Jungbusch-Ballermann“ und thematisieren die „aggressive Stimmung in den Straßen und am Kanal“.

Eskalationsrisiko in Mannheim: Ist der Jungbusch das nächste Stuttgart?

Trotz der subjektiven Wahrnehmung vieler „Buschler“ versichert die Mannheimer Polizei, dass der Jungbusch nicht vor einer Eskaltion der Gewalt stehe. Zwar gebe es mehr Ordnungswidrigkeiten, wie Ruhestörungen oder Verstöße gegen die Corona-Verordnung – und vereinzelt leider auch Straftaten, insbesondere Körperverletzungsdelikte.

Allerdings befürchte die Polizei hier keine Randale, wie in Stuttgart: „Aktuell liegen uns keine Anhaltspunkte für ein erhöhtes Eskalationsrisiko im Bereich Jungbusch vor. Gleichwohl ist uns bewusst, dass es keine Garantie gibt, größere Vorfälle zu verhindern, weswegen wir die vorgenannten Maßnahmen ergreifen." (mw)

Das könnte Dich auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare