Auf kurios-kriminellen Spuren durch die Quadratestadt

Von dreisten Posträubern und beschissenen Beweislagen

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Eine Tafel in A2, 5 erinnert an die Ermordung des Theaterdichters August von Kotzebue.

Mannheim-Innenstadt - Mit dem remClub geht es am Dienstagabend auf eine Stadttour der etwas anderen Art. MANNHEIM24 auf kurios-krimineller Spurensuche durch die Quadratestadt.

Die Temperaturen haben merklich abgenommen, durch die Quadrate weht ein frischer Wind, der die herabfallenden Blätter über die vom sporadischen Nieselregen benässten Straßen weht: Das Wetter am Dienstagabend sorgt für die perfekten Rahmenbedingungen für die kuriose Krimitour des remClub.

Vor dem Zeughaus in C5 treffen sich rund 20 Teilnehmer und machen sich auf eine kuriose Krimitour durch Mannheim.

Um 17:30 Uhr treffen sich rund 20 Teilnehmer auf dem Toulonplatz in C5, wo sie Martin Boll empfängt und mit Zahlen und Fakten über den vermeintlich schlechten Ruf der Stadt aufklärt. 2014 wurden in der Quadratestadt rund 32.000 Straftaten registriert. „Eine verhältnismäßig geringe Zahl für eine Großstadt - und das bei einer verhältnismäßig hohen Aufklärungsquote von 56 Prozent“, findet Boll. Und er muss es wissen, schließlich war er 18 Jahre lang Pressesprecher beim Polizeipräsidium Mannheim. Im Anschluss übernimmt Kunsthistorikerin und Stadtführerin Tanja Vogel das Ruder und macht sofort klar, dass sie keine Blutspur durch Mannheim ziehen will. Ihr gehe es darum, historisch relevante und nicht minder kuriose Fälle der Mannheimer Kriminalgeschichte zu beleuchten. Doch auch für lustiges Trivialwissen zwischen den Stationen ist genug Platz.

So zum Beispiel auf dem Weg zur ersten Station in A2, der vorbei an der Jesuitenkirche durch die so genannte „kalte Gasse“ führt, in der stets eine kalte Brise weht. „Wissen sie, warum die kalte Gasse kalte Gasse heißt? Weil es hier zieht wie Hechtsuppe.“ 

Schräg gegenüber des Schillerplatzes macht die Gruppe Halt am Tatort eines der ersten politischen Morde des Landes von Tragweite über die Landesgrenzen hinaus.

Ermordete Dichter und hilfreiche Henker

Dort wurde am 23. März 1819 der bekannte Theaterdichter und vermeintliche russische Spion August von Kotzebue in seiner Wohnung von dem Burschenschafter Karl Ludwig Sand niedergestochen. Von liberalen Kreisen gefeiert, gibt der Mord Anlass zu einer reaktionären Welle von Demagogenverfolgungen. Die Folge: Sand wird nach einem missglückten Suizidversuch zum Tode verurteilt und 1820 vor dem Heidelberger Tor mit einem Schwert hingerichtet. 

Ganz in der Nähe übrigens, wo früher das barocke Henkerhäuschen stand und heute das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit seinen Platz hat. Die Henker und Folterer in der Barockzeit wurden übrigens nach „Ladenschluss“ oft von Bürgern mit körperlichen Beschwerden wie Ausrenkungen und Verspannungen aufgesucht, schließlich kannten sich nur wenige Herrschaften besser mit der Anatomie des menschlichen Körpers aus. Jetzt wissen wir auch, woher das Wort Galgenhumor kommt.

Vorbei am Landgericht Mannheim über die Kurpfalzstraße geht es zur nächsten Station unweit der Lauergärten, wo sich 1949 ein spektakulärer Postraub ereignete, der bundesweit für Aufsehen sorgte und Grundlage für den Krimi „Wer fuhr den grauen Ford“ (1950) mit Wolfgang Neuss in einer der Hauptrollen war. Im Zentrum des Clous standen Postwagenfahrer Günther Hörner, die Gebrüder Stuck, Peter Breuning und Robert Panko, die am helllichten Tag und auf offener Straße einen Geldtransport überfielen und mit 160.000 Mark davonkamen - und das quasi vor der Tür des Polizeipräsidiums in L6.

Beschissenes Beweisstück führt zur Aufklärung

Eine „beschmutzte“ Tankstellenquittung führte schließlich zur Aufklärung des Postraubs von 1949.

Dafür brauchten sie einen Fluchtwagen. Den „besorgten“ sie sich von einem US-Leutnant an der Bergstraße. Als der aber schlapp machte, musste ein neues Auto her – also schlug die Bande erneut zu und stahl kurzerhand den zweiten Wagen des Leutnants, einen grauen Ford. Der wurde schließlich in einem Waldabschnitt nördlich von Viernheim gefunden. Doch die Mannheimer Beamten tappten lange Zeit weiter im Dunkeln. Doch als der Kripochef einem heißen Zeugenhinweis – ein Passant hat immer wieder verdächtige Männer auf einem Motorrad in besagtem Waldabschnitt beobachtet – nachging, fand er unweit der Ford-Fundstelle eine Tankstellenquittung. Auf ihr prangte ein riesiger Fleck – einer der Täter hatte sie wohl benutzt, um sich den Hintern abzuwischen. Doch das Beweisstück war nur buchstäblich beschissen, denn auf der Quittung der Shell-Tankstelle fand sich eine durchgedrückte Telefonnummer – die führte die Ermittler zur Tante der Stuck-Brüder. Im Nachhinein war der Raub ein großer Misserfolg, „genau wie der Film mit Wolfgang Neuss. So romantisch wie in dem Film war es dann doch nicht“, witzelt Vogel und führt die Gruppe in die Lauergärten im Rücken.

Nur wenige Meter weiter findet sich der nächste historisch bedeutende Tatort. Dort, am letzten oberirdisch erhaltenen Rest der Mannheimer Befestigung, forderte das nationalsozialistische Regime seine letzten Opfer, als am 28. März 1945 – unmittelbar vor der Besetzung durch die amerikanische Armee – drei junge Männer an der Mauer erschossen werden. Der Grund: Sie sollen auf einem Kaufhaus eine weiße Fahne gehisst haben.

Der Doppelmord, der keiner war

Zum Abschluss wird die Gruppe zum Ehrenhof am Mannheimer Schloss geführt. Dort erzählt Vogel vor passender Kulisse über den berühmt-berüchtigten Schwetzinger Doppelmord, der in Wirklichkeit gar keiner war – „viel mehr barockes Mobbing.

Was war passiert? Im Juni 1764 erstach der Leibarzt des Kurfürsten Carl Theodor, Franz Bechtler, am helllichten Tag und in aller Öffentlichkeit den Kammerdiener Dominik Pierron, ehe er sich selbst richtete – Suizid wurde damals noch als Mord gewertet, daher die Bezeichnung der Tat als „Doppelmord“. Zahlreiche Verschwörungstheorien am Schwetzinger Hof machten die Runde, doch die Umstände und genauen Hintergründe der Bluttat wurden nie wirklich geklärt.

Mit diesem Mysterium der Barockzeit entlässt Vogel die Gruppe in die Freiheit. Wir meinen: mörderisch gut!

rob

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