Bluttat vor der Polizeiwache

Haftstrafe oder Bewährung? – Plädoyers im H4-Prozess

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Im Prozess zur Bluttat vor der H4-Wache werden am Freitag die Plädoyers gehalten. 

Mannheim-Innenstadt – Der Prozess zur Bluttat vor der H4-Wache neigt sich dem Ende zu. Neben den Plädoyers kommen noch einige spannende Details ans Tageslicht...

Tag 13 im Prozess gegen Mehmet S. (22). Und langsam scheint ein Ende in Sicht. 

Noch immer gilt es zu klären, wer in den Abendstunden des 4. September den 20-jährigen Mustafa A. vor der H4-Wache mit mehreren Messerstichen getötet hat.

Adhäsionsantrag wird zurückgezogen 

Am vergangenen Verhandlungstag stellte Rechtsanwalt Steffen M. Kling einen Adhäsionsantrag. (Anspruch auf Schmerzensgeld)

Niedergestochen: 20-Jähriger vor Polizeirevier getötet

Der Inhalt: Sein Mandant und Vater des Getöteten, Talat A. (44), fordert ein „angemessenes Schmerzensgeld“ für den Tod seines Sohnes in Höhe von 50.000 Euro. Zusätzlich beinhaltet der Antrag einen Schadensersatz in Höhe von 40.000 Euro.

Die Begründung: Der 44-Jährige musste am Abend des 4. September nicht nur mit ansehen, wie sein Sohn verstarb. Vielmehr leidet Talat A. noch heute unter schweren seelischen Erkrankungen und musste in der Folge sein Bauunternehmen aufgrund eines psychischen Traumas aufgeben. Darüber hinaus wurde auch der 44-Jährige am Tatabend mit mehreren Messerstichen schwer verletzt.

Am Freitag einigt sich die Verteidigung der Nebenklage und Rechtsanwalt Alexander Klein, Verteidiger des Angeklagten, auf eine Entschädigung in Höhe von 15.000 Euro. Auf Grundlage dieses Täter-Opfer-Ausgleichs zieht Rechtsanwalt Kling den Adhäsionsantrag zurück. 

Erklärung des Angeklagten 

12 Prozesstage lang hat der Angeklagte geschwiegen. Am Freitag dann die Wende...

Über seinen Verteidiger lässt Mehmet S. verkünden: „Ich habe bislang geschwiegen, weil die Anklage auf falschen Tatsachen beruht. Ich habe mich an diesem Abend spontan und unüberlegt dazu hinreißen lassen. Ich fühle mich dafür verantwortlich, schließlich bin ich auch der Grund. Ich werde mein Leben lang mit dieser Schuld leben müssen. Mustafa war für mich wie ein Freund. Sein Tod lässt auch mich jeden Tag zweifeln.“

Die Frage, warum er sich nicht ausführlich erklärt, steht nicht nur für seinen Verteidiger im Raum. Entweder will er sich selbst nicht belasten oder einen nahen Verwandten –  wie seinen Bruder Nihad.“, so Alexander Klein. 

Da ist er wieder, dieser eine Name, der auch nach über 60 Zeugenvernehmungen nicht verschwinden will – der Name des Bruders. Nihat S. (30) stand schon kurz nach der Tat unter Verdacht, Mustafa A. die tödlichen Messerstiche zugefügt zu haben. Doch die Beweise reichten bisher nicht gegen ihn aus. 

Die Kronzeugin der Staatsanwaltschaft

„Wer für welche Taten verantwortlich gemacht werden kann, ist schwierig.“, stellt Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge gleich zu Beginn seines Plädoyers fest. 

Das Hauptproblem des Verfahrens: Eine Vielzahl an Personen war an jenem 4. September in unmittelbarer Nähe der H4-Wache. Doch es gibt kaum Zeugen, die sich dazu in der Lage fühlen, auszusagen oder einzelne Tatbestände zu beschreiben. 

Doch es ist vor allem die Aussage der Zeugin Fiona H. (15), auf die die Staatsanwaltschaft ihr Hauptaugenmerk legt. Fiona wurde insgesamt fünf Mal vernommen, jedes Mal wich die eine von der anderen Aussage ab. Dennoch scheint sie sich sicher zu sein, einen Stich von oben in die Schulter gesehen zu haben. Aus 36 Lichtbildern identifiziert sie jedoch den Angeklagten nicht als Täter. Vielmehr kommentiert sie sein Bild – als einziges – mit den Worten: „Dieser war es bestimmt nicht.“ 

Vor Gericht erklärt sie dies damit, dass sie so einer Aussage vor Gericht entgehen wollte. „Sie wollte keine Kronzeugin werden, die sie aus Sicht der Staatsanwaltschaft aber ist, so Oltrogge in seinem Plädoyer. „Kein anderer hatte an diesem Abend eine so gute Auffassungsgabe und zeigte den Geschehnissen so viel Aufmerksamkeit.“

Für die Staatsanwaltschaft ist deshalb sicher: Der Angeklagte muss sich wegen Totschlags verantworten und fordert eine Haftstrafe in Höhe von sechs Jahren

Die Strategie der Verteidigung 

Gleich zu Beginn stützt sich Verteidiger Alexander Klein ebenfalls auf die Aussage der 15-jährigen Zeugin Fiona H. „Insgesamt haben wir 60 Zeugen vor Gericht gehört. Doch die Aussage von Frau H. hat sich von den anderen Aussagen dahingehend unterschieden, dass sie Wesentliches wahrgenommen haben will.“

Von der Vernehmung der 15-Jährigen war die Öffentlichkeit damals ausgeschlossen worden. Deshalb werden erst jetzt einige – teils skurrile – Details bekannt.

Lügt Fiona?

Fiona wuchs in „dissozialen" Verhältnissen auf, ist schließlich in einem betreuten Wohnheim groß geworden. Ihre Betreuerin sagte aus, dass sie immer dann, wenn Dinge für die 15-Jährige unangenehm werden, lügt. Sie raucht gelegentlich Hasch und ist für stetigen Alkoholmissbrauch bekannt. Für Verteidiger Klein ein gefundenes Fressen. 

Während ihrer Vernehmung soll die 15-Jährige den Angeklagten ununterbrochen angestarrt haben, bis der Vorsitzende Richter sie darauf anspricht. Ihre Bemerkung: „War der nicht auch vor Ort?“

Für den Verteidiger ist dies ein eindeutiges Indiz dafür, dass die 15-Jährige seinen Mandanten nicht eindeutig als Täter identifizieren kann. 

Das abgehörte Telefongespräch

Auch auf die Aussage des Zeugen Marco M. stürzt sich die Verteidigung. Marco M. hatte seiner Freundin kurz nach der Tat am Telefon erzählt, dass ein etwa 30-jähriger Mann auf Mustafa A. eingestochen hätte und er sich ganz in der Nähe des Tatorts befunden hätte.

Die Polizei hatte davon spitzgekriegt, als sie das Telefon von Marco M. abhörte, da dieser im September 2014 selbst verdächtigt wurde, gegen das Betäubungsmittelgesetz zu verstoßen.

Mit dieser Aussage am Telefon belastet er den älteren Bruder des Tatverdächtigen, Nihad S. (30). Marco M. jedoch bestreitet die Richtigkeit seiner damaligen Äußerung gegenüber seiner Freundin. Er hätte ihr am Telefon imponieren wollen und deswegen behauptet, dass er so nah dran war.

Für Verteidiger Alexander Klein ist nicht auszuschließen, dass der tödliche Stich auch von einer anderen Person als seinem Mandanten zugefügt werden konnte. „Vielleicht haben wir hier den falschen mutmaßlichen Täter sitzen.“ 

Sein Antrag: Wegen gemeinschaftlich gefährlicher Körperverletzung beantragt er eine Bewährungsstrafe und gleichzeitig die Aufhebung des Haftbefehls.

Am Dienstag, 28. Juli fällt das Urteil. 

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