Protestaktion am Samstag

Sieben Monate ohne Einkommen: Mannheims Kulturbranche steht vor dem Kollaps

Mannheim: Viele Kulturschaffende in der Quadratestadt fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Deshalb rufen sie zu einer Protestaktion am Samstag (24. Oktober) auf.

  • Wegen der Coronavirus-Pandemie gibt es seit März nur noch wenige kulturelle Veranstaltungen.
  • Auch in Mannheim leidet die Kulturbranche sehr unter den Einschränkungen.
  • Am Samstag (24. Oktober) wird es am Alten Meßplatz in Mannheim eine Protestaktion des Bündnis Kulturschaffender Mannheims geben.

Über den Sommer hinweg konnten viele Mannheimerinnen und Mannheimer die Coronavirus-Pandemie erfolgreich verdrängen: Niedrige Infektionszahlen täuschten über den Ernst der Lage hinweg und legitimierten für viele ausschweifende Partystimmung im Freien. Statt Konzerte, Clubs oder Vernissagen wurden Orte, wie der Jungbusch-Kanal, von immer mehr Menschen aufgesucht, um dort mit Freunden und Bekannten zu feiern und für einen kurzen Moment die Pandemie zu vergessen.

Doch seit einigen Wochen lässt sich nicht mehr leugnen, dass der Herbst auch in Mannheim eingekehrt ist und es jetzt zu kalt, zu nass, zu dunkel ist, um im Freien sein Feierabendbier mit Freunden zu genießen. In einem normalen Jahr würden sich jetzt Clubs, Kneipen und Kinos füllen – doch in diesem Jahr ist alles anders. Spätestens jetzt wird klar, dass uns diese Orte der Begegnung wahrhaftig fehlen und uns damit ein Stück Lebensfreude genommen wird.

Vielen Kulturschaffenden fehlt es seit März allerdings nicht nur an Lebensfreude, sondern auch an Einkommen. Sieben Monate keine Veranstaltungen heißt: sieben Monate kein Publikum und sieben Monate kein Einkommen. Das Bündnis Kulturschaffender Mannheims (BKM) ist ein Zusammenschluss von ebendiesen Menschen, die ihr Leben der Kunst und Kultur gewidmet haben und sich während der Coronavirus-Pandemie von der Politik im Stich gelassen fühlen. Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen, ruft das BKM deshalb zu einer Protestaktion am Samstag (24. Oktober) um 16 Uhr am Alten Meßplatz auf.

Protestaktion für Kultur in Mannheim: Sieben Monate ohne Einkommen

Es würde den Kulturschaffenden in Mannheim nicht gerecht werden, die gesamte Branche auf Clubnächte und Partys zu reduzieren, denn Kultur subsumiert eine breitgefächerte Szene: Von Kunst, Schauspiel, Musik und Literatur sind viele Menschen von den aktuellen Beschränkungen akut betroffen.

Viele dieser Akteure sitzen nun seit sieben Monaten ohne Publikum, ohne Applaus und vor allem ohne Einkommen auf dem Trockenen. Es scheint eine berechtigte Sorge, dass das Land der Dichter und Denker derzeit um seine Talente bangen muss, da unzählige Kulturschaffende mit Aushilfsjobs über die Runden kommen müssen: Zeit für Kunst scheint nun ein Luxusgut.

Schon im Sommer demonstrierten die Kulturschaffenden in Mannheim.

Auf diesen Missstand will das BKM aufmerksam machen. Schon im Sommer marschierten hunderte auf den Straßen, um ihre Solidarität mit den Kulturschaffenden zu bekunden. Doch trotz der vielen Menschen und dem medialen Interesse soll nicht viel passiert sein. Im Nachhinein sagen die Veranstalterinnen des BKMs, dass sich für die Kulturschaffenden seit dem Sommer „wenig verändert“ hätte.

Aus diesem Grund ruft das BKM erneut zu einer Protestaktion am Samstag (24. Oktober, 16 Uhr) auf. Ursprünglich war ein Demonstrationszug durch Mannheim geplant, doch wegen der steigenden Infektionszahlen entschieden sich die Veranstalterinnen für eine stationäre Kundgebung auf dem Alten Meßplatz, da sie ihren Teil zur „Eindämmung des Coronavirus“ beitragen wollten.

Protestaktion in Mannheim: Kulturschaffende kritisieren Politik

Das BKM kritisiert die Stadt Mannheim, da sie die Sommermonate nicht genutzt hätte, um Kulturschaffenden Veranstaltungen im Freien zu ermöglichen. Außenveranstaltungen wurden nicht umgesetzt und mit Blick auf die Wintermonate scheinen diese nun unrealistisch.

Mit ihrer Kundgebung will das BKM außerdem verdeutlichen, dass die Kulturbranche weitaus mehr Beschäftigungsfelder umfasst, als Politik und Gesellschaft wahrnehmen. Kultur heißt nämlich nicht nur Musikerinnen, Künstler und Schauspielerinnen, sondern betrifft noch viel mehr, die im Hintergrund arbeiten: Ton- und Veranstaltungstechnik; Messebau sowie Sicherheits-, Reinigungs- und Barpersonal seien laut BKM ebenfalls teil der „Wertschöpfungskette der Veranstaltungs- und Kulturbranche.“

Kunst und Kultur in Mannheim: „Alles was angespart wurde, muss aufgelöst werden“

Im Gespräch mit MANNHEIM24 erklärt der Veranstaltungsleiter, Simon Bittner, dass die aktuellen Bedingungen für viele Kunst- und Kulturschaffenden nicht tragbar seien: „Alles was angespart wurde, muss aufgelöst werden – ob Altersvorsorge oder Lebensversicherung. Viele müssen sich verschulden, um laufende Kosten zu decken und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen entweder in Kurzarbeit geschickt oder sogar entlassen werden.“ 

Doch nicht nur die finanzielle Lage ist für Kulturschaffende prekär. Auch die seelische Belastung hinterlässt offensichtliche Spuren: „Psychische Ressourcen werden bis über das Maß des Erträglichen ausgeschöpft, einfach um durchzuhalten. Jeden Tag muss neu überlegt werden, wie es weiter gehen kann“, so Bittner.

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**KUNDGEBUNG DES "BÜNDNIS KULTURSCHAFFENDER MANNHEIMS" 24.10.2020 AB 16 UHR** Aufgrund der neuen Allgemeinverfügung und der Erklärung Mannheims zum Risikogebiet haben wir uns entschlossen, unseren Teil zur Eindämmung des Coronavirus beizutragen und die Demonstration am 24.10.20 nur stationär auf dem Alten Messplatz ab 16 Uhr in Form einer Kundgebung abzuhalten. Dabei wird es verschiedene Redebeiträge geben und wir als Bündnis werden unsere Forderungen öffentlich vortragen. Obgleich unsere wirtschaftliche Lage es nicht erlaubt, sind wir uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und haben uns zu diesem Schritt entschieden. Um die Veranstaltung pandemiegerecht zu gestalten, gilt auf dem gesamten Alten Messplatz die Maskenpflicht und die Einhaltung des Mindestabstandes von 1,5 Metern. Ihr seid herzlich eingeladen an der Kundgebung ab 16 Uhr teilzunehmen und die Reden von verschiedenen Akteur*innen von Mannheims Kunst,- Kultur,- und Veranstaltungsszene zu hören. Sobald es die Lage wieder zulässt, wird der ursprünglich geplante Demonstrationszug durch die Stadt zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden. Bis Samstag, Euer Bündnis Kulturschaffender Mannheims <3

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Einige hätten diesem Druck schon nachgegeben und sich einen regulären „9-to-5-Job“ gesucht, obwohl der aktuelle Arbeitsmarkt nicht gerade rosig aussieht. Abgesehen davon, sei diese Entwicklung auch eine Verschwendung von Talent, wie Bittner erklärt: „Für viele Kulturschaffende ist der Beruf, in dem sie qualifiziert und ausgebildet sind, mehr als nur ein Job – vielmehr ist es eine Berufung. Sie üben ihre Tätigkeit nicht nur des Geldes willen aus, sondern weil sie darin ihre Leidenschaft und Befähigungen zur Geltung bringen wollen.“

Bittner macht auch klar, dass diese Entwicklung irreversibel ist: „Mit jedem Kulturschaffenden, der die Branche verlässt, zerbricht ein über die Jahre aufgebautes Netzwerk. Wissen, Ressourcen, Orte werden für immer verloren gehen. Und der Wiederaufbau dieser Strukturen wird der Allgemeinheit nach der Pandemie vergleichsweise viel mehr Geld kosten.“

Bündnis für Kulturschaffende Mannheim: Die Forderungen für den Winter

Doch wie kann man Kunst, Kultur und vor allem Veranstaltungen pandemiegerecht umsetzen? Mit einer Reihe von Forderungen tritt das BKM an die Stadt Mannheim: Von städtischen Veranstaltungsflächen im Freien, bis hin zu Hilfeleistungen für selbstständige Kulturschaffende möchte das BKM nachhaltig – auch über die Coronavirus-Pandemie hinaus – die Kulturbranche in Mannheim vor dem Ertrinken retten. Falls ihr Vorhaben nicht gelingt, würde dies die Quadratestadt um einiges ärmer machen. (mw)

Rubriklistenbild: © Arthur Bauer

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