„Querdenken 621“

Mannheim: Hass, Hetze, Hitlergruß – so ging es bei der Anti-Corona-Demo zu

Mannheim – Die Corona-Leugner von „Querdenken 621“ demonstrieren am 18. Juli für die sofortige Aufhebung der Corona-Maßnahmen. Die Redner sind bekannte Verschwörungsgläubige. 

  • Demo in Mannheim: Die Initiative „Querdenken 621“ hat für Samstag (18. Juli) eine Demonstration am Mannheimer Schloss angekündigt.
  • Die Initiative fordert die Aufhebung der Corona-Verordnung und leugnet, dass es überhaupt eine gefährliche Corona-Pandemie gegeben hat.
  • Der Leiter der „Schwindelambulanz Sinsheim“ ist als Gastredner geladen – und ein Rechtsextremer berichtet aus dem Pressebereich.

Update vom 19. Juli, 20:00 Uhr: Kurz vor 14:30 Uhr strömen die letzten Teilnehmer der Querdenker-Demo über die Mensawiese der Universität Mannheim Richtung Ehrenhof. Es sind Familien, Alte, Junge, Männergruppen in schwarzen T-Shirts und Frauen in weiten Hosen und mit geflochtenen Haaren, die Kleinkinder auf dem Arm tragen.

Die Menschen, die sich an diesem Nachmittag entschieden haben, für die Kundgebung der Initiative „Querdenken 621“ nach Mannheim zu kommen, sind so unterschiedlich wie die Auswahl der Redner dieses Tages: Thorsten Schulte, Bestseller-Autor, Dr. Bodo Schiffmann, Vorstand und Gründungsmitglied der Partei WIR2020, Beate Bahner, Fachanwältin für Medizinrecht, Michael Ballweg, Unternehmer und Gründer der Initiative „Querdenken 711“. Doch sie alle scheint der Widerwille zu vereinen. Der Widerwille eine Maske zu tragen, der Widerwille, die Corona-Verordnung zu akzeptieren, der Widerwille an einem Strang zu ziehen.

Der Ehrenhof ist voll mit Menschen.

Demo in Mannheim: 1.300 Demonstranten, kaum Masken und ein Kinderspielbereich

Der Ehrenhof der Universität Mannheim ist in den letzten Monaten wie ausgestorben gewesen. Der Präsenzlehrbetrieb wurde im März ausgesetzt und seitdem wird der Platz vor allem für eines genutzt: Demonstrationen. Im Juni ist für Black Lives Matter demonstriert worden, heute haben andere das Wort. Es sind Menschen, die das Ausmaß des Coronavirus nicht anerkennen, die Zahlen des RKI nicht akzeptieren. Es sind Skeptiker – Querdenker.

Demonstrant posiert für MANNHEIM24.

Was bei einem Blick in die Menge auffällt: Kaum jemand trägt eine Maske, niemand scheint den Mindestabstand von 1,5 Meter ernst zu nehmen. Das verwundert nicht: „Querdenken 621“ tritt genau für diese Dinge ein. Die Initiative und ihre Anhänger sieht aufgrund der Einschränkungen der Corona-Maßnahmen die Grundrechte bedroht. Es ist nicht das Coronavirus, dass sie umtreibt, es ist das „Freiheitsvirus“.

Mannheim: Demo von Corona-Leugnern am Schloss – bei wem liegt die Durchsetzung des Hygienekonzept?

Norbert Schätzle, stellvertretender Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecher der Polizei Mannheim, gibt MANNHEIM24 ein kurzes Statement zu den Aufgaben der Polizei bei der Demo in Mannheim:

Die Durchsetzung eines etwaigen Hygienekonzepts für die Demo in Mannheim liegt beim Veranstalter. Details dazu liegen MANNHEIM24 nicht vor. An diesem Nachmittag ist jedoch zu beobachten ist, dass zu großen Teilen weder Demonstranten noch Helfer Masken tragen oder einen Mindestabstand einhalten. Die Initiative bleibt sich ihren Forderungen offenbar treu.

Demo in Mannheim: Nikolai Nerling – als Grundschullehrer wegen rechtsextremer Aussagen gefeuert, jetzt als Journalist bei „Querdenken“-Demo

Ein Gast der ersten Reihe fällt besonders auf. Der Mann trägt einen schmal-krempigen Strohhut, weißes Hemd, babyblaue Chinos und Dreitagebart. Ein Kameramann folgt im auf Schritt und Tritt und filmt jedes seiner Gespräche. Der Mann ist Nikolai Nerling – „Der Volkslehrer“ wie er sich selbst nennt. Im Mai 2018 ist er fristlos aus dem Dienst an einer Berliner Grundschule entlassen worden – ein Berliner Gericht urteilte zudem, dass er nie wieder an einer öffentlichen Berliner Schule unterrichten darf.

Thorsten Schulte, Bestseller-Autor, spricht auf der Bühne.

Im Urteil heißt es: „Der Kläger [Nerling] legt es mit großem Engagement darauf an, die Bundesrepublik Deutschland, das Grundgesetz und die Organe der Gewaltenteilung ... zu beschimpfen oder verächtlich zu machen“. Dieser und weitere Punkte disqualifizierten ihn als Arbeitnehmer des Staates. Im Dezember 2019 wird er vom Amtsgericht Dachau wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe von über 10.000 Euro verurteilt. Am KZ Dachau hat er vor Schülern den Holocaust ins Lächerliche gezogen. Im Gespräch mit MANNHEIM24 äußert er teilweise krude Theorien.

Mannheim: Nerling sieht RKI als „Art Propagandaministerium“ – und spricht von „Umvolkung“ und „Schuldkult“

Nerling bezeichnet sich selbst als Journalist – an der Berliner Grundschule unterrichtete er Musik und Sport. Aber Journalist sei nur eine seiner neuen Tätigkeiten seitdem er kein Lehrer mehr ist. Des Schuldienstes verwiesen, ist er wegen einer bestimmten Art von „Freizeitverhalten“, wie sein Anwalt es nennt. Nikolai Nerling – „Der Volkslehrer“ – ist hochaktiver YouTuber gewesen. Auf seinem Kanal hat er antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet, seine Bewunderung für Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck ausgesprochen und gegen Geflüchtete gehetzt. Im April 2019 ist sein Kanal von YouTube gesperrt worden.

Es beginnt für die Verhältnisse dieses Tages harmlos. Nerling meint, es gäbe keine Pandemie. Zu den Bildern von Massengräbern aus Südamerika und Italien sagt er „dies sei weit weg“ und er „wisse nicht genau was dort passiert“. Er bezweifle auch, dass die Bilder von dort echt seien. Nerling nennt in diesem Kontext keine Quelle. Die Recherche-Organisation „CORRECTIV – Recherchen für die Gesellschaft“ hat eine ähnliche Behauptung auf Facebook unter die Lupe genommen und klargestellt, dass die Bilder echt sind. Auf die Frage, ob er die Zahlen des RKI für glaubwürdig hält, nennt er es „eine Art Propagandaministerium“. Es sei albern als Regierung überhaupt noch mit dem RKI zu sprechen.

Dann wird es interessant: Die Grenzen der Meinungsfreiheit sehe er, wenn gegen Menschen aufgestachelt wird oder Menschen verächtlich gemacht werden. Andererseits hält er es für absolut legitim die Existenz von Viren anzuzweifeln. Auf die Frage, was er mit „Wir als Volk sollten uns auf unsere alte Kraft zurückbesinnen“ meine, nennt er „Altantis“ als den weit zurückreichenden Ursprung des deutschen Erbes. Die Fassade der Mäßigung beginnt zu bröckeln. Er führt weiter aus, dass sämtliche wichtigen Erkenntnisse von Weißen gemacht worden seien. In schneller Folge fallen Begriffe wie „Umvolkung“, „Schuldkult“ und „Völkermord am deutschen Volk“. Nerling scheint ganz in seinem Element.

Demo in Mannheim: Teilnehmerin zeigt mutmaßlich Hitlergruß Richtung Bühne – Polizei ermittelt

Im Laufe des Tages kommen neben Thorsten Schulte, Dr. Bodo Schiffmann, Beate Bahner und Michael Ballweg noch ein paar andere auf die Bühne im Ehrenhof. Als Überraschungsgäste sind Samuel Eckert und Ralph Bühler geladen. Beide stehen der AfD nahe. Beim Auftritt des AfD-Mann Ralph Bühler kommt es zu einem besonderen Vorfall: Als er auf die Bühne im Ehrenhof steigt, wird von einer Teilnehmerin im Publikum mutmaßlich der Hitlergruß gezeigt. Und auch beim Schlussapplaus zeigt die Teilnehmerin dieselbe Geste. Der Mannheimer Polizei ist der Vorfall bekannt, wie ein Sprecher auf Anfrage des „Mannheimer Morgen“ mitteilte: Die Kriminalpolizei hat bereits erste Ermittlungen eingeleitet.

Nikolai Nerling als Journalist im Pressebereich der freien Medien.

Organisator Schlegel zitiert die Warnung des Bündnis „Mannheim gegen Rechts“ vor der Demo. Das Bündnis vermutet eine „Mischung aus Verschwörungsideologen, Wissenschafts- und Corona-Leugnern, Hooligans, Neonazis, Identitären, Evangelikalen, Impfgegnern, Esoterikern und Reichsbürgern“ unter den Teilnehmern. Während sich Schlegel über diese Aussage lustig macht, hält „Der Volkslehrer“ aus dem Pressebereich der freien Medien heraus stramm sein Mikro Richtung Bühne. (lpb)

Demo in Mannheim: Organisatoren leugnen Coronavirus – Doktor der „Schwindelambulanz Sinsheim“ als Redner

Erstmeldung vom 18. Juli, 12:44 Uhr: Die Website von „Querdenken 621“ ist clean gehalten. Ganz oben prangt schwarz auf weiß der Name der Initiative, darunter ist das Cover des Grundgesetz platziert. Ein Link verweist auf die Demo in Mannheim. Was „Querdenken 621“ will ist klar: Schluss mit den Corona-Maßnahmen und Schluss mit der Einschränkung der Grundrechte. Eine weitere skurrile These der Gruppierung, die bei vielen für Kopfschütteln sorgt: Es habe keine gefährliche Pandemie gegeben. Die Initiative hat mehrere Redner zur Demo am Samstag eingeladen – unter ihnen ist auch Dr. Bodo Schiffmann, Spezialist für Schwindelanfälle aus Sinsheim.

Demo in Mannheim: Bündnis „Mannheim gegen Rechts“ warnt vor Corona-Demo am Schloss

Während „Querdenken 621“ auf allen Kanälen ihre Leute mobilisiert zur Demo in Mannheim zu kommen, warnt eine andere Initiative davor sich mit den Querdenkern einzulassen. Das Bündnis „Mannheim gegen Rechts“ ruft dazu auf, sich von der Demo in Mannheim fernzuhalten. „Querdenken 621“ habe krude Hintergründe und versteckte Ideologien.

In einer Pressemitteilung ist die Rede von einer „Mischung aus Verschwörungsideologen, Wissenschafts- und Corona-Leugnern, Hooligans, Neonazis, Identitären, Evangelikalen, Impfgegnern, Esoterikern und Reichsbürgern“. Es gäbe auch Verbindungen zur rechten Szene: Auf den von „Querdenken 621“ organisierten Demos würden „populistische, antisemitische, rassistische und sozialdarwinistische Parolen verbreitet“, heißt es. Zudem befänden sich unter den angekündigten Rednern Personen, „die Auftritte bei Pegida und der AfD absolviert haben“.

Demo in Mannheim: Initiator der Demos will Oberbürgermeister in Stuttgart werden

Querdenken 621“ hatte in den letzten Wochen immer wieder zu Demos in Mannheim und anderen Städten aufgerufen. Wie auch am Samstag sind die Leute gegen Beschränkungen und Auflagen im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie und für die Wahrung der Grundrechte auf die Straße gegangen. So etwa die Gruppe „Querdenken 711“ in Stuttgart. Initiator Michael Ballweg hat kürzlich seine Kandidatur zum dortigen Oberbürgermeister verkündet.

Nur wenige Tage nach der „Querdenken"-Demonstration erhält die Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut (DIE LINKE) aus Mannheim ein Drohschreiben, das mit „NSU 2.0“ unterzeichnet wurde. Darin soll ihr mit dem Tod gedroht werden. Auch der Linke-Politiker Gökdeniz Özcetin erhält Morddrohungen mit dem Abesender „NSU 2.0“. Unter anderem schreiben die anoymen Täter: „Wir werden Dich kriegen und dann abschlachten. Noch kannst du dich verstecken aber der Tag X rückt immer näher und dann wirst du rennen. Sieg Heil! Mit blutigen Grüssen NSU 2.0“ (lpb)

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