Ein Jahr im Amt als Nachtbürgermeister

Mannheims Night-Mayor im Interview: Was hat er erreicht, was hat er erlebt?

+
Night-Mayor Hendrik Meier stellt sich im Interview unseren Fragen.

Mannheim - Seit genau einem Jahr ist Hendrik Meier als Night-Mayor im Amt. Wir treffen ihn zum Interview und reden über seine Arbeit, seine Pläne – und skurrile Geschichten aus dem Nachtleben...

Vor genau einem Jahr wurde in Mannheim Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal nahm ein Night-Mayor seine Arbeit in einer deutschen Stadt auf. Das Prinzip war bisher nur in rund 40 Städten weltweit erprobt worden. Mit Hendrik Meier nahm ein junger Mann den Job an, der sich in der Nachtszene Mannheims bestens auskennt. Wir haben uns mit dem Nachtbürgermeister zum Gespräch getroffen und besuchen ihn in seinem Büro im gig7 Gründerinnenzentrum. Im Interview erzählt uns Hendrik über seine bisherigen Erfolge, skurrile Geschichten und ob seine Familie verstanden hat, was er eigentlich macht.

Nachtbürgermeister von Mannheim: Interview mit Hendrik Meier

MANNHEIM24: Wie gehts es Dir nach Deinem ersten Jahr als Night-Mayor?

Meier: „Gut. Es war echt ein krasses Jahr, in dem ich viele verschiedene Arbeitsweisen, neue Methoden und Leute kennengelernt habe. Das Aufgabenfeld war extrem weit gefächert. Aber inzwischen sind wir sehr gut aufgestellt und haben eine gute Struktur gefunden, wie wir arbeiten können und welche Themen wir dementsprechend bedienen können.

MANNHEIM24: Der Job des Night-Mayor war auf das Jahr 2019 begrenzt. Ist das noch aktuell?

Meier:Aktuell sieht es sehr gut aus! Wir haben viele Gespräche geführt und es wird sich wohl in den nächsten Monaten entscheiden, inwieweit das mit mir weiter gehen wird – auch über 2019 hinaus. Aber meine Stunden wurden aufgestockt, was schon mal ganz gut ist. Ich bin jetzt auch angestellt bei Start-Up Mannheim, die ja auch eine Tochter der Stadt sind. Die Stimmung ist sehr positiv.

Night-Mayor Mannheim: So sieht der Tag als Nachtbürgermeister aus

MANNHEIM24: Hast Du eine Tagesroutine?

Meier:Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt schon eine normale Bürozeit von 9 bis 18 Uhr. Abends finden dann häufig noch Veranstaltungen statt. Ich bin aber natürlich auch viel unterwegs und führe zahlreiche Gespräche – nicht mit den Leuten, die abends feiern gehen, sondern eher mit den Betreibern, Anwohnern und Mietvereinen.

MANNHEIM24: Du arbeitest also auch mit Behörden zusammen?

Meier:Ich arbeite viel mit der Stadt zusammen. Aber auch innerhalb der Stadt mit ganz vielen einzelnen Fachbereichen, wie beispielsweise dem für Sicherheit und Ordnung. Dazu der rege Austausch mit dem Kulturamt, der Wirtschaftsförderung zusammen und dem Stadtmarketing. Wir schauen schon, dass wir überall unsere Themen setzen, weil es oftmals auch Leute betrifft, die nicht zwingend nur an einer Stelle sitzen.

MANNHEIM24: Kam es schon zu Treffen mit Nachtbürgermeistern aus anderen Städten?

Meier:Ja. Ich war schon auf verschiedenen Konferenzen – unter anderem in Moskau, in Halifax in Kanada oder in Austin in den USA. Dort habe ich mich zum Beispiel mit Alex Büchli, dem Night-Mayor von Zürich, und mit Mirik Milan, der das Konzept vor sechs Jahren in Amsterdam eingeführt hat, ausgetauscht. Da schaut man natürlich, was die anderen gerade so machen. Aber natürlich passt nicht alles, was weltweit funktioniert, auch nach Mannheim. Da muss man sich dann das Passende rausziehen und auf Mannheim übertragen.

Night-Mayor Mannheim: Das hat Nachtbürgermeister Hendrik Meier bisher erreicht

MANNHEIM24: Was hast Du im letzten Jahr erreicht – und was hast Du Dir noch vorgenommen?

Meier:In meiner Bewerbung hab ich einen 10-Punkte-Plan vorgestellt. Vier von diesen Punkten waren jedoch rein rechtlich nicht umsetzbar. Das waren natürlich sehr plakative Phrasen. Dass man zum Beispiel eine Blitzanlage am Luisenring braucht. Aber: Da hab ich es so weit geschafft, dass die Polizei und das Ordnungsamt regelmäßig Kontrollen durchführen. Wir haben dafür gesorgt, dass weniger Scherben in Stadtteilen wie dem Jungbusch vorzufinden sind, weil wir Pfandkisten an Mülltonnen aufgestellt haben. Wir haben mit Luisa eine Initiative gegen sexuelle Belästigung in Bars und Clubs ins Leben gerufen. Wir haben die „Nette Toilette“ eingeführt. Das bedeutet, dass man in einer Bar, einem Restaurant oder einem Café auf die Toilette gehen kann, ohne Konsumzwang zu haben. Ich renne aber nicht nachts rum und sage Leuten, was sie zu tun haben. Das steht mir nicht zu.

MANNHEIM24: Wie klappt die Zusammenarbeit mit der Stadt?

Meier:Soweit sehr gut. Ich sehe Vertreter des Ordnungsamtes einmal die Woche. Wir haben unseren runden Tisch mit der Polizei einmal im Monat und sprechen die aktuellen Beschwerdelagen durch. Dann gucken wir, wo es Nachholbedarf gibt. Dann gibt man mal etwas an mich als Mediator oder an die Polizei als Exekutive. Das funktioniert sehr gut.

Mannheim: Der Night-Mayor hängt nicht nur in Bars herum

MANNHEIM24: Viele Leute denken, dass Du viel in Bars rumhängst. Ist das wirklich so?

Meier:Bedingt. Ja, ich bin auch in Bars, aber eher tagsüber, wenn gerade geöffnet wird. Da hab ich dann meine Gespräche mit den Betreibern. Wenn irgendwas sein sollte, wissen diese aber auch, dass sie mich ansprechen können. Ich klappere also nicht einfach grundlos Bars ab, das Ganze verläuft eher proaktiv.

MANNHEIM24: Wenn Du privat in Bars unterwegs bist, kannst Du da noch zwischen Arbeit und Vergnügen unterscheiden?

Meier:Das geht eigentlich. Klar, es kommt schon häufiger mal vor, dass Leute einen ansprechen. Aber dann kann ich kann mir selber aussuchen, wie ich drauf reagieren möchte.

MANNHEIM24: Also sitzt Du nicht privat herum, siehst etwas und denkst dann: „Das sollte ich ändern“?

Meier:Ja klar, unterbewusst immer. Wenn ich in einem Club bin und merke, dass die Anlage kratzt, dann schreibe ich eben schon mal am Tag danach eine Mail. Darin steht dann ‚Super Party, aber guck mal. Die hier vermieten günstige Anlagen.‘ Die meisten finden das super. Das passiert schon häufig. Wobei ich das aber schon immer so gemacht habe.

MANNHEIM24: Wenn du mal erkannt wirst, gibt dir dann auch jemand einen aus?

Meier:Ja, manchmal. Dann lehne ich einfach dankend ab. Ich arbeite mit den Leuten. Wenn ich privat unterwegs bin und mir ein Kumpel einen ausgibt, dann ist es unsere Sache. Aber das hat irgendwie immer den beruflichen Beigeschmack.

Übrigens: Um das Thema Umweltschutz mehr in den Fokus zu nehmen, wird in Heidelberg ein neues Dezernat geschaffen. Der Bürgermeister dazu kommt von den Grünen.

Mannheim: Skurrile Geschichten des Nachtbürgermeisters

MANNHEIM24: Wie oft musst Du Deinen noch Job erklären?

Meier:In meiner Familie haben sie inzwischen alle gecheckt, was ich mache – so ungefähr.

MANNHEIM24: Hast Du auch skurrile Geschichten erlebt?

Meier:Ja, direkt bei meinem ersten Mediations-Gespräch. Da ging es um eine Studenten-WG in der Oststadt und einen etwas älteren, gut betuchten Bürger. Der hat sich darüber beschwert, dass die Studenten im Erdgeschoss immer laut feiern würden. Wir haben telefoniert und einen Termin zum persönlichen Gespräch ausgemacht. Währenddessen hatte ich aber schon mit der WG geredet und gesagt, dass sie sich ein bisschen zusammenreißen müssen und es nett wäre, wenn sie dem Herren einfach eine Karte mit ihrer Nummer hinlegen würden, damit er anrufen kann, wenn es zu laut wird. Und dass er sich auch bestimmt über eine Flasche Sekt freuen würde. Das haben sie dann auch genauso gemacht, zwei Tage später kam der Mann dann völlig glücklich zu mir und berichtete von der Aktion der Studenten, wie sehr man sich doch in Menschen täuschen könne, und dass es das Gespräch gar nicht mehr gebraucht hätte. Dann hat er mir von seiner Frau erzählt, die Arthrose hat und nicht mehr fliegen kann, und mich dann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm nach Miami oder Westflorida in den Urlaub zu fliegen. Ich meinte dann nur: ‚Ja puh, ich glaube nicht.‘

Fotos von der Wahl zum Nachtbürgermeister in Mannheim

MANNHEIM24: Was würdest Du gerne nach dem Job als Nachtbürgermeister machen?

Meier:Ich würde mich gerne für die Live-Musik in der Stadt stark machen wollen. Mannheim hat über 300.000 Einwohner, die ganze Region rund 2,4 Millionen, wir sind eine UNESCO City of Music und haben keinen innerstädtischen Live-Musikclub – egal in welcher Größe. Bis 400 Personen geht hier absolut gar nichts. Du hast zwar kleine Läden, aber selbst die sind nicht richtig rentabel. Ich fände es schön, wenn die Musik, die hier stattfindet - sei es Popakademie, orientalische Musikhochschule, Hochschule für Musik oder Bandsupport - mehr gefördert wird.

MANNHEIM24: Wie ist Deine Einschätzung zur Entwicklung des Jungbusch und der Neckarstadt-West?

Meier:Ich glaube, im Jungbusch sitzen die richtigen Leute genau da, wo sie sitzen sollten. Quartiermanager Michael Scheuermann weiß genau, was er tut und kennt jede Ecke im Jungbusch. Der Bewohner-Verein ist stark und äußerst präsent und steht für seine Interessen ein. Auch der Gastronomie-Verband wird durch Abian Hammann aus dem Hagestolz sehr gut repräsentiert. Was der Jungbusch braucht, ist eine Leitlinie. Zwar gibt es die Jungbusch-Vereinbarung, die müssen wir aber noch konsequenter an die Leute bringen. Das Gleiche gilt für die Neckarstadt. Das sind beides kleine Viertel, die sich nicht komplett gentrifizieren lassen. Dazu sind die Stimmen zu laut und die Leute zu clever. Die Entwicklung muss im Interesse aller geschehen. Ich würde mir für den Jungbusch wünschen, dass es das Ausgehquartier wird, das Mannheim verdient!

So bekam Mannheim einen Night-Mayor

Am 19. Juli 2018 fand ein ganz besonderes Bewerbungsgespräch im Chaplin in Mannheim statt. Dort kämpften zehn Teilnehmer um die Stelle als erster Night-Mayor Deutschlands. Zum Schluss konnte sich Hendrik Meier, Masterstudent der Popakademie, gegen seine Konkurrenten durchsetzen. Doch in anderen Metropolen wie London, Amsterdam oder New York ist dieses Amt schon bekannt. Mittlerweile gibt es weltweit sogar 45 Nachtbürgermeister. Auch in Deutschland sollen weitere Folgen, zum Beispiel in Kaiserslautern. Im Oktober findet in Mannheim die „Nachtkulturkonferenz“ statt. Bei dieser diskutieren zahlreiche Gäste aus dem In-und Ausland gemeinsam über die Nachtkultur und deren Wandel.

dh

Das könnte Dich auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare