„Moderne“ Volkskrankheiten

Wege aus der Depression

+
Ein Leben mit der „schwarzen Brille“: Wer sich ständig überlastet, riskiert den Verlust der eigenen Lebensfreude.

Depressionen sind omnipräsent und sind gesellschaftlich längst kein Tabuthema mehr. Doch wann wird Schwermut krankhaft und wie durchbricht man die Abwärtsspirale?

Wo hört simple Erschöpfung und schlechte Laune auf und wann beginnt eine Depression? Das hängt davon ab, wie lange dieser Gesundheitszustand andauert. Trotz des Versprechens der Spätmoderne, jeder könne in der demokratischen Wohlstandsgesellschaft seine eigenen Vorstellungen des „guten Lebens“ verwirklichen, sind die Anforderungen des 21. Jahrhunderts dennoch enorm: Rollen-Ideale wie die des fleißigen Familien- und Karrieremenschen, der in einem breiten sozialen Netzwerk interagiert und sogar seine Freizeit sinnvoll nutzt, sind zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Vulnerabilität und Stress

Eine zunehmend beschleunigte Gesellschaft bringt seine Bürger auf ein ganz neues Belastungslevel. Ist die Verletzlichkeit bzw. Vulnerabilität eines Menschen hoch, so ist er im besonderen Maße anfällig dafür, eine psychische Krankheit zu erleiden. Das Ausmaß der individuellen Verletzlichkeit fungiert – metaphorisch betrachtet – wie ein Fass, welches unterschiedlich schnell zum Überlaufen gebracht werden kann. Jedes Fass hat dabei sozusagen ein unterschiedlich großes Fassungsvermögen für äußere Reize und ist dementsprechend unterschiedlich belastbar. 

Die eigene Vulnerabilität bestimmt also das Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken. Dass sich beispielsweise ein erlebtes Trauma sowie Verlusterfahrungen negativ auf die menschliche Psyche auswirken, ist offensichtlich. Folgende Faktoren beeinflussen ebenso die Verletzlichkeit eines Menschen: 

  • Alter: Erhöhtes Risiko in jungen Jahren sowie im hohen Alter 
  • Bildung: Vermindertes Risiko durch Wissen der Gestaltbarkeit des eigenen Lebens 
  • Erbgut: Erhöhtes Risiko durch genetische Veranlagung zur Depression 
  • Geschlecht: Erhöhtes Risiko bei Frauen im Vergleich zu Männern 
  • Persönlichkeit: Vermindertes Risiko durch erlernte Coping-Strategien 
  • Sozialkontakte: Erhöhtes Risiko bei Menschen ohne enge Bezugspersonen 

Ist das eigene Fass übergelaufen bzw. die individuelle Belastungsgrenze überschritten, so kommt es – langfristig betrachtet – zur psychischen Erkrankung eines Menschen. Verantwortlich hierfür sind Stressereignisse wie zum Beispiel kritische Lebensereignisse, problematisch empfundene Lebensbedingungen sowie Veränderungen, die in ihrer Art, Dauer, Frequenz und Schwere für jedes Individuum unterschiedlich belastend ausfallen können. Stress kann dabei sowohl positiver als auch negativer sowie beruflicher als auch privater Natur sein. Fakt ist: Bei einer hohen Vulnerabilität läuft ein Fass leichter über, da es sinnbildlich einen höheren Boden als andere Fässer aufweist.

Die Triade der Depression

An einer Depression erkrankte Menschen leiden an einer kognitiven Störung, welche – einfach ausgedrückt – auf einer verzerrten Sicht der Realität bzw. auf Denkfehlern beruht. Derartig nachhaltig schwermütige Menschen fallen folgenden Denk- bzw. Wahrnehmungsperspektiven anheim:

  • Negatives Selbstbild: Die eigene Person wird als schuldig, unzulänglich und versagend beurteilt.
  • Negatives Umweltbild: Die soziale Umwelt wird als überfordernd und ungerecht erlebt. 
  • Negatives Zukunftsbild: Die Zukunft wird als anstrengend, freudlos, frustrierend und hoffnungslos befunden.

Diese drei negativen Ansichten sind die grundsätzlichen Antriebsmotoren einer Depression und verstärken sich wechselseitig. Wer also immer wieder diese Denk- und Wahrnehmungsschablonen aktiviert, begünstigt eine eigene verzerrte Interpretation der erlebten Ereignisse. Das Resultat: Eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang und der Betroffene neigt dazu, sich immer mehr in sein Schneckenhaus zurückzuziehen.

Der Lichtblick am Ende des Tunnels

Ebenso wie Depressionen von Person zu Person unterschiedlich ausfallen, so gibt es auch kein Allheilmittel dagegen, sondern stets nur individuelle Lösungen. Grundsätzlich ist der erste Schritt in Richtung Besserung die Erkenntnis, dass man auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die Kombination aus Medikamenten (chemisch oder pflanzlich) und Psychotherapie – für gewöhnlich eine Kognitive Verhaltenstherapie – hält selbst die hartnäckigste Schwermut in Schach. Doch es muss gar nicht erst so weit kommen, da nicht jede temporäre Erschöpfungsphase gleich in eine Depression umschlagen muss. Außerdem gibt es auch hilfreiche Präventionsmaßnahmen: Beispielsweise kann mit einer Lichttherapie das besonders in sonnenarmen Gebieten und Jahreszeiten reichlich vorhandene Schlafhormon Melatonin abgebaut werden, wodurch ein Stimmungsaufschwung begünstigt wird.

Gelingt es dem Betroffenen nach und nach Stress zu reduzieren bzw. Stressquellen abzubauen sowie seinen Selbstwert zu steigern, so durchbricht er am effektivsten die Abwärtsspirale einer Depression. Am besten gelingt dies durch Entspannungsverfahren und durch genügend Bewegung und Sport. Die positive Wirkung von Fitness bzw. eines sportlichen Ausgleichs zum Alltag auf Geist und Körper kann nicht oft genug betont werden. Hierbei gilt es, eine individuelle Lösung zur eigenen sportlichen Betätigung zu finden. Schließlich kann Sport seinen positiven Einfluss nur dann entfalten, wenn der Sportler das tut, was ihm auch wirklich gut tut. Entspannung und Sport sind ideale Ansätze, um das eigene Leben auch bei Depression wieder aktiv zu gestalten – wenn auch zunächst nur kleinschrittig.

Eine Aufwärtsspirale wird ferner begünstigt durch das Feiern kleiner Erfolge. Doch hierfür gilt es, zunächst den ersten Schritt aus dem Schneckenhaus zu wagen. Jeder Mensch kann an einer Depression erkranken – unabhängig von seiner jeweiligen Vulnerabilitätsgrenze. Schließlich liegen Selbstliebe und Selbstzerstörung dicht beieinander. Wenn zu viele Anforderungen auf einen Menschen einwirken, so wird dieser zwangsläufig irgendwann nachgeben und es muss für Entlastung gesorgt werden. Metaphorisch gesehen, gibt es immer ein Lichtblick am Ende des Tunnels. Man muss ihn jedoch sehen wollen.

Kommentare