Krawallnacht in Stuttgart 2020

„Lage hat sich nicht entspannt“: Krawalle in Stuttgart machen Richter ratlos

Eine Gruppe von Menshcen dringt in einen Laden ein.
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Bei der Krawallnacht in Stuttgart plünderten Randalierer in einigen Läden.

Eine plausible Erklärung finden die Richter für die Krawalle in Stuttgart auch rund ein Jahr später nicht. Sie erklären zudem, dass die Lage in den Innenstädten nach wie vor angespannt sei.

Stuttgart - Vor fast genau einem Jahr zogen in der Landeshauptstadt Stuttgart* (BW24* berichtete) junge Menschen durch die City, randalierten, plünderten Geschäfte, schlugen auf Polizisten ein und verletzten sie. Noch heute sind die Bilder vom 20. Juni 2020, die sich auf den sozialen Netzwerken wie Twitter, TikTok und Facebook verbreiteten, im Gedächtnis geblieben. Die Gewalt und das Chaos in der Stuttgarter Innenstadt* machten bundesweit Schlagzeilen als „Krawallnacht“.

Über die Gründe, wieso es zu den Ausschreitungen im sonst so friedlichen Stuttgart* kam, wurde viel diskutiert. Doch noch heute, nachdem Dutzende Urteile gegen die Randalierer erlassen wurden, fehlt den Juristen im Stuttgarter Amtsgericht eine plausible Erklärung für den Gewaltausbruch vor einem Jahr. „Die Strafverhandlungen haben wenig zur Erhellung beigetragen“, sagte Gerichtspräsident Hans-Peter Rumler. „Das Überraschende war eigentlich, dass die Täter in ihrer überwiegenden Mehrheit und bis zu jener Nacht unauffällig gewesen sind.“

Krawallnacht in Stuttgart: Die meisten der Tatverdächtigen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen

Die meisten der angeklagten Jugendlichen seien in Deutschland geboren und aufgewachsen. Es habe keine Brüche in deren Lebensläufe gegeben, kaum Vorstrafen. Viele hätten einen Ausbildungsplatz, sagte Amtsrichter Joachim Spieth. „Und man kann wirklich nicht sagen, dass sie alle auf der Schattenseite des Lebens standen.“ Alkohol und die Gruppendynamik hätten durchaus eine Rolle gespielt. Aber in den Verhandlungen hätten sich die meisten Angeklagten den Ausbruch der Gewalt selbst nicht mehr erklären können.

Von den bisher insgesamt 64 Urteilen zur Krawallnacht - die meisten vor dem Jugendschöffengericht - fielen viele wegen schweren Landfriedensbruch oder gefährlicher Körperverletzung. Bei der Auswertung des Videomaterials aus den sozialen Netzwerken nutzte die Polizei sogenannte Super-Recognizer, die eine bessere Gesichtserkennung gewährleisten. 141 Tatverdächtige konnten so ermittelt werden. 82 Haftbefehle wurden bisher erlassen. Fünf Tatverdächtige befinden sich noch in Untersuchungshaft.

Aber auch die Arbeit der Behörden geriet in die Kritik. Der Stuttgarter Polizei wurde Rassismus* vorgeworfen, weil sie im Zuge der Ermittlungen nach dem familiären Hintergrund und der Herkunft der Tatverdächtigen forschte. Bereits einige Tage nach der Krawallnacht verbreitete sich zudem im Internet ein YouTube-Video, in dem sich ein Polizist rassistisch über die Tatverdächtigen* äußerte.

Krawallnacht in Stuttgart: Richter sehen nach wie vor keine Entspannung in Innenstädten

Hans-Peter Rumler und Joachim Spieth äußerten indes ihre Zweifel, dass die gesprochenen Urteile potenzielle Nachahmer von ähnlichen Gewaltausbrüchen fernhalten könnten. „Man hätte meinen können, dass sich eine solche Vielzahl an Haftbefehlen rumspricht und abschreckt“, sagte Spieth.

Es habe sich nichts Wesentliches verändert, wie jüngste Auseinandersetzungen junger Menschen in Stuttgart, Heidelberg, Tübingen und Freiburg gezeigt hätten. Es bleibe ein Fragezeichen, und wer mit offenen Augen durch die Straßen ziehe, der nehme wahr, „dass sich die Lage offensichtlich nicht entspannt hat“. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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