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Boris Palmer mit drastischer Aussage: Corona für U-60-Jährige „so gefährlich wie Autofahren“

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Von: Julian Baumann

Boris Palmer (Bündnis 90 / Die Grünen), der Oberbürgermeister von Tübingen, antwortet in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf Fragen von Journalisten.

Boris Palmer polarisierte bereits in der Vergangenheit mit umstrittenen Aussagen zur Corona-Pandemie. © Christoph Schmidt/dpa

Das Coronavirus in Baden-Württemberg greift trotz langsam sinkender Zahlen weiter um sich. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) polarisierte in einem Interview mit einem gewagten Vergleich.

Stuttgart/Tübingen - Die Lage aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg (BW24* berichtete) ist weiter ernst. Der seit Ende vergangenen Jahres geltende Lockdown wird bis Mitte Februar verlängert. Zugleich verschärfte die Landesregierung auch die aktuellen Corona-Regeln für Baden-Württemberg* erneut. Aktuell scheinen die Infektionszahlen im Land zwar schrittweise wieder zu sinken, neue Mutationen des gefährlichen Virus könnten die Lage jedoch wieder drastisch verschlimmern. Gegen Ende des vergangenen Jahres wurde eine Mutation aus Großbritannien bei einer Frau in Baden-Württemberg nachgewiesen und inzwischen hat auch eine hochansteckende Corona-Mutation aus Südafrika* das Bundesland erreicht.

Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, geriet bereits in der Vergangenheit häufiger für seine Aussagen zum Coronavirus in Baden-Württemberg in die Kritik. Erst kürzlich forderte der Grünen-Politiker ein Ende des Lockdowns* und schrieb aus Sorge um die Tübinger Altstadt einen Brandbrief an den Bundeswirtschaftsminister*. In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung (StZ) polarisierte Palmer nun erneut mit einer kontroversen Aussage.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Palmer hat geteilte Meinung zu den Maßnahmen

Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg* gelten aktuell einige Maßnahmen und Verbote zum Infektionsschutz*. Boris Palmer ist jedoch nicht mit allen Regeln einverstanden. „Unsere altertümliche Kontaktverfolgung ist prinzipiell ungeeignet, das Virus unter Kontrolle zu bringen“, sagte der OB von Tübingen im Gespräch mit der StZ. Eine Ansteckung werde innerhalb von vier Tagen weitergeben, eine Nachverfolgung dauere dagegen deutlich länger. „Leider verhindert der Datenschutz moderne Corona-Apps wie in Asien.“ Palmer wollte zuvor mit der Corona-Warn-App auf mehr Handydaten zugreifen*, was ihm Kritik einbrachte.

Zum Schutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg können sich Risikogruppen seit Dezember eine limitierte Anzahl an FFP2-Masken gratis bei den Apotheken im Land abholen. Bereits am ersten Ausgabetag wurden die Apotheken in Baden-Württemberg überrannt*. Inzwischen ist auch eine generelle Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske beim Einkaufen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln im Gespräch. Boris Palmer hält eine solche Maßnahme für sinnvoll. „FFP2-Masken kosten relativ wenig, bringen aber einiges“, sagte er der StZ.

Die in Baden-Württemberg geltende nächtliche Ausgangssperre von 20 Uhr bis 5 Uhr hält der OB von Tübingen ebenfalls für effektiv. Im Dezember ging Palmer jedoch mit dem Corona-Lockdown hart ins Gericht* und bezeichnete die Maßnahmen als „mittelalterliche Methoden“.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Laut Palmer sagt Belegung der Intensivstationen mehr aus als Inzidenz

Zur Beurteilung der aktuellen Lage aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg wird allgemein die 7-Tage-Inzidenz bewertet. Der Wert entspricht der Anzahl an Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner. Laut Boris Palmer ist die Auslastung der Intensivstationen allerdings ein viel deutlicherer Indikator für den Ernst der Lage. „Derzeit ist das erklärte Ziel, die 7-Tage-Inzidenz unter 50 zu drücken. Der Blick auf andere europäische Länder zeigt, dass das im Winter offensichtlich unmöglich ist“, sagte er der StZ. „Wir sollten daher die Belegung der Intensivstationen mit Corona-Patienten zum relevanten Faktor machen und die Infektionszahlen bei den über 60-Jährigen als Frühindikator nutzen, um rechtzeitig gegenzusteuern.“

Zur Rechtfertigung der vielen Maßnahmen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg sei nur der Gesundheitsnotstand als Argument stark genug, sagte Boris Palmer weiter. Und er schloss eine gewagte These an: „Rauchen, Trinken, Autofahren ist erlaubt, aber für Menschen unter 60 in etwa so gefährlich wie ­Covid-19.“ Der OB von Tübingen fordert effektivere Zugangskontrollen zu Alters- und Pflegeheimen. Das hätte laut ihm bereits in der Vergangenheit zu deutlich weniger Todesfällen geführt. „Dass das so lange versäumt wurde, halte ich für den Hauptfehler der Corona-Politik“, so Palmer im Gespräch mit der StZ.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer wurde Schulen und Kita wieder öffnen, wenn er könnte

Aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg sind Schulen und Kita derzeit geschlossen. Der Unterricht wird größtenteils über online Plattformen abgehalten. Das Kultusministerium forderte bereits im Dezember 2020 den Präsenzunterricht zum 11. Januar wieder aufzunehmen. Auch nach massiver Kritik beharrte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) weiter auf die Schulöffnungen*. Auch Boris Palmer ist der Meinung, dass von den Schulen und Kita keine Belastung für die Intensivstationen drohe. „Obwohl Kindern und Jugendlichen von Corona keine echte Gefahr droht, sind sie die Verlierer der Schutzmaßnahmen“, sagte er der StZ. „Ausgewogener und effektiver wäre es, mehr Homeoffice zu verordnen und Schulen und Kitas wieder zu öffnen.“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)* hatte eine baldige Öffnung der Schulen und Kitas allerdings nicht in Aussicht gestellt. Stattdessen drohte der Regierungschef mit einem noch härteren Lockdown im Februar*. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sprach sich im Gespräch mit der StZ allerdings erneut für Lockerungen aus. „Der Spielraum für gezielte Lockerungen ist trotz neuer Virusvarianten da“, sagte er. Man müsse nur noch die Zeit bis zur Impfung der Älteren überbrücken. *BW24 ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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