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Nach Luftschlägen verwüstet: "Wir befürchten, dass Falludscha völlig zerstört wird"

Kampf um IS-Hochburg

Drama in Falludscha: "Wir haben Tierfutter gegessen"

Bagdad - Iraks Militär versucht, die Terrormiliz IS aus ihrer Hochburg Falludscha zu vertreiben. Das Leben von Tausenden Zivilisten ist in akuter Gefahr. Den Hilfsorganisationen geht das Geld aus.

Mohammed Taufik mit seinem Enkelkind in Bagdad.

Mohammed Taufik und seine Familie mögen in Sicherheit sein, die Angst aber hat ihn bis heute nicht losgelassen.In der kargen Unterkunft in einem Flüchtlingslager in Bagdad, wo sie zu fünft seit einigen Monaten unterkommen sind, läuft der Fernseher. Vor mehr als zwei Jahren ist Mohammed aus seiner Heimat Falludscha vor den Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geflohen. Jetzt verfolgt er auf dem Bildschirm, wie die Armee versucht, die Hochburg der Extremisten zu befreien. Die Nachrichten lassen Schlimmes ahnen.

„Wir befürchten, dass Falludscha völlig zerstört wird“, sagt der 49-Jährige, der sich die Haare kurz geschoren hat. „Ich hoffe, dass das nicht passiert.“ Nicht nur er hat bei den Kämpfen um seine Heimat das Schicksal der etwas weiter westlich gelegenen Stadt Ramadi im Kopf. Mittlerweile konnte die Armee den IS zwar von dort vertreiben - Ramadi aber ist dabei größtenteils zerstört worden.

Bomben treffen Zivilisten

Schon jetzt haben die Menschen aus Falludscha rund 70 Kilometer westlich von Bagdad traumatische Zeiten hinter sich. Berichte von Flüchtlingen aus dem umkämpften Gebiet ähneln sich. Auf die Stadt fallen täglich Bomben, die immer wieder auch Zivilisten treffen. Bis zu 50 000 Menschen sollen noch in der Stadt sein, schätzen Helfer. Militärs berichten, der IS missbrauche die Einwohner als menschliche Schutzschilde. „Die Lage in Falludscha ist entsetzlich“, sagt Bruno Geddo vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR.

In der Stadt herrscht seit Monaten akuter Mangel an sauberem Wasser und Lebensmitteln. Ein Kilo Reis soll mittlerweile umgerechnet rund 50 Euro kosten. „Wir haben Tierfutter gegessen und hatten nichts zu trinken“, erzählt eine geflüchtete Frau in einem Video der Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council (NRC), die nahe Falludscha im Einsatz ist. „Wir haben Tragödien erlebt, die niemand jemals erleben sollte.“ Am Ende ersticken die Tränen ihre Stimme.

"Sie hatte fast vergessen, wie Brot schmeckt"

Viele Menschen hätten sich seit Monaten nur von getrockneten Datteln ernährt, sagt Karl Schembri vom NRC, der vor einigen Tagen in dem Flüchtlingslager Amarijat al-Falludscha südöstlich der Stadt war. Dort traf er eine Frau, die das erste Mal seit sechs Monaten wieder Brot aß. „Sie hatte fast vergessen, wie es schmeckt.“

Während die Kämpfe um Falludscha toben, spielt sich zugleich ein Flüchtlingsdrama ab. Mehr als 27.000 Bewohner sind nach Angaben des NRC seit Beginn der Operation aus der Stadt geflohen. Etliche starben bei dem Versuch, den Extremisten und der Gewalt zu entkommen.

Um aus Falludscha in ein sicheres Gebiet zu gelangen, müssen sie den Euphrat überqueren. Immer wieder kenterten Boote, berichten Helfer. „Viele können nicht schwimmen“, sagt Schembri. „Sie klammern sich an leere Tanks oder Reifen.“ Trotzdem würden immer wieder Flüchtlinge ertrinken - oder von Kugeln des IS getroffen.

Flüchtlinge mit Folterspuren

Wer nicht mehr unter IS-Kontrolle lebt, ist noch lange nicht in Sicherheit. Vor allem Männer aus der von Sunniten bewohnten Region laufen Gefahr, in die Hände schiitischer Milizen zu fallen, die an der Seite der Armee kämpfen. Es häufen sich Meldungen über Übergriffe von Anhängern der bewaffneten Gruppen auf Sunniten, die angeblich den IS unterstützt haben. Zeugen berichten von Verhaftungen, auch von Erschießungen. Und Bilder zeigen Flüchtlinge mit Folterspuren.

Auch in den Flüchtlingslagern geht das Leiden weiter. Inzwischen sind in Amarijat al-Falludscha so viele Menschen eingetroffen, dass das Camp seine Kapazitätsgrenze erreicht hat und niemanden mehr aufnehmen kann. Schon jetzt können die Hilfsorganisationen die Flüchtlinge kaum noch versorgen. Es fehlt so ziemlich an allem: an Wasser, Lebensmitteln, Matratzen für die Zelte und medizinischer Versorgung.

Helfern geht das Geld aus

Und als wäre das nicht genug, geht den Helfern auch noch das Geld aus. „Wir sind unterfinanziert und haben große Sorgen, dass die Vorräte nicht ausreichen“, sagt Karl Schembri. „Wir zählen die Tage, die wir die Menschen noch versorgen können.“ Andere Hilfsorganisationen seien praktisch schon pleite. Auch den UN fehlt es an Geld. Bislang haben die Vereinten Nationen und ihre Partner in diesem Jahr erst 31 Prozent des Geldes erhalten, das sie für mehr als sieben Million Iraker in Not bräuchten.

Die Flüchtlingskrise in Syrien ziehe in der Welt sehr viel Aufmerksamkeit auf sich, sagte Bruno Geddo vom UNHCR. „Aber der Irak ist genauso wichtig. Wir brauchen jede Hilfe. Das Schlimmste kommt erst noch.“

Mohammed Taufik geht es in einem Bagdader Flüchtlingslager zwar besser als den meisten Menschen, die gerade erst aus Falludscha geflohen sind. Aber auch er und seine Familie müssen nur mit dem Nötigsten auskommen: eine kleine Hütte für alle fünf, einfaches Essen, keine Arbeit. Mohammed sehnt deshalb den Tag herbei, an dem der IS aus Falludscha vertrieben sein wird: „Dann werde ich innerhalb von 24 Stunden zurück in der Stadt sein.“ Sollte sie dann noch stehen.

dpa

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