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David Cameron (re.): Die Abstimmung über die Zugehörigkeit zur EU wird auch seine persönliche Zukunft bestimmen.

Schicksalstag für Premierminister

Angezählter Cameron will auch bei Brexit Premier bleiben

London - Der Premierminister Großbritanniens gibt im Wahlkampf-Endspurt nochmal Gas. Aber reicht das? Das Brexit-Referendum wird höchstwahrscheinlich auch sein politisches Schicksal besiegeln. Auch wenn er davon nichts wissen will.

Update vom 23. Juni 2016: David Cameron will im Falle eines Brexit im Amt bleiben - aber ist das realistisch?

Update vom 22. Juni 2016: Am Donnerstag stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab. Alle aktuellen Infos finden Sie in unserem News-Blog zum Brexit.

Wenn es nur um sein Schicksal ginge. Aber der "Tag der Abrechnung", der am Donnerstag für Premierminister David Cameron ansteht, wird auch das Schicksal Großbritanniens prägen. Wohl selten hat ein Regierungschef eine Entscheidung von solcher Tragweite gefällt, um Kritiker in den eigenen Reihen zum Schweigen zu bringen. Das von Cameron selbst initiierte Referendum ist ein Spiel mit dem Feuer, das in einem "Katastrophenszenario" münden kann.

So formulierte es Camerons Biograf Anthony Seldon schon vergangenes Jahr. Und sollten die Briten tatsächlich für den Brexit stimmen und die Insel als erstes Land Goodbye zur EU sagen, dann wäre das das politische Todesurteil für den Chef der britischen Konservativen.

Cameron kein typisch leidenschaftlicher Europäer

Noch ist es nicht so weit, und auf der Wahlkampfzielgeraden warf Cameron noch einmal alles in die Waagschale: "Denkt an die Hoffnungen und Träume Eurer Kinder und Enkel", rief er am Dienstag vor seinem Amtssitz in der Downing Street 10. "Wenn Ihr 'raus' wählt, war's das. Es ist unumkehrbar. Die nächste Generation wird mit den Konsequenzen leben müssen." Das Risiko "für britische Familien, für britische Jobs" sei "riesig".

Cameron war in der Zeit vor dem Referendumsbeschluss nie als leidenschaftlicher Europäer in Erscheinung getreten. Bei seinen Gipfel-Auftritten in Brüssel sagte er stets in die Kameras, er werde "für die Interessen der britischen Steuerzahler kämpfen", Punkt. Als er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihren Kollegen im Februar eine EU-Reform abgetrotzt hatte, um daheim doch noch für die EU werben zu können, erklärte er vor Journalisten: "Wir werden niemals Teil eines europäischen Superstaates werden. Wir werden niemals einer europäischen Armee angehören."

Er beschwor stets die Distanz zu Brüssel, statt Leidenschaft reinster Pragmatismus. "Daher kommt seine Schwierigkeit, die EU-Skeptiker jetzt zu überzeugen", schätzt ein weiterer Cameron-Biograf, Peter Snowdon.

Wirtschaftliche Verbesserungen in Ära Camerons

Bürgernähe gehörte nie zu Camerons Stärken. Schon in jungen Jahren arbeitete der Sohn eines Börsenmaklers, Absolvent der Eliteschule Eton und der renommierten Oxford-Universität, als Bearter für die Konservativen, 2001 wurde er erstmals ins Parlament gewählt. Bei den Tories legte er einen raschen Aufstieg hin, 2005 übernahm er mit nur 39 Jahren die Führung der Tories.

Cameron gab sich damals zunächst als Verfechter eines "mitfühlenden Konservatismus", wollte Gesundheit, Bildung und Umwelt in den Mittelpunkt rücken und "die Früchte des Wachstums verteilen". Viel verteilte Cameron dann allerdings nicht, nachdem er im Jahr 2010 eine Koalition mit den Liberalen geschmiedet hatte und in Downing Street Nummer 10 einzog. Durch drastische Haushaltskürzungen wurde das Defizit auf 90 Milliarden Pfund (gut 120 Milliarden Euro) halbiert. Die Wirtschaft fing sich wegen - oder trotz - der Kürzungen, die Arbeitslosigkeit ging zurück.

Vor der Abstimmung: Briten im Brexit-Fieber

Schon 2013 versprach Cameron den Wählern ein Referendum über Großbritanniens Ausstieg oder Verbleib in der EU. Als er im vergangenen Jahr dann erstmals seit 1992 - und völlig überraschend - eine eigene Regierungsmehrheit für die Tories eroberte, sah er die Gelegenheit gekommen, mit der Abstimmung auch in der eigenen Partei nach Jahrzehnten die Grabenkämpfe zu beenden, die immer wieder über das EU-Thema geführt wurden.

Doch statt geschlossen ist die Partei gespaltener denn je. Camerons halbes Kabinett ist ihm in den Rücken gefallen und wirbt für den Brexit. Londons populärer Ex-Bürgermeister Boris Johnson inszenierte sich als aggressiver Brexit-Wortführer und gilt als wahrscheinlichster Nachfolger Camerons, sollten die EU-Gegner das Referendum gewinnen.

Camerons Zukunft ist untrennbar mit dem Ausgang des Brexit-Referendums verbunden. Sollten die Briten am Donnerstag für den Abschied von der EU stimmen, sei eines klar, so formulierte es der EU-Befürworter und einstige konservative Finanzminister Kenneth Clarke: Der Premier werde sich dann "keine 30 Sekunden" mehr an der Spitze der Regierung halten können.

Cameron hält an Amt fest

24 Stunden vor dem Brexit-Referendum zeigt sich der britische Premierminister David Cameron unsicher über den Ausgang. „Niemand weiß, was geschehen wird“, sagte er der Zeitung „Financial Times“. Er könne aber vor der Abstimmung am Donnerstag gut schlafen.

Cameron bekräftigte, dass er in jedem Fall Premierminister bleiben wolle. Er bereue es nicht, dass er zu dem Referendum aufgerufen habe. 

afp/dpa

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