+
Die Gäste bei Anne Will von links nach rechts: Harald Kujat, Seyran Ates, Norbert Röttgen, die Gastgeberin, Cem Özdemir und Fatih Zingal.

Talkrunde am Sonntag

"Auffällig unsinnig": Anne-Will-Runde spricht über Türkei-Putsch

München - In der Sendung von Anne Will wurde nur zwei Tage nach dem Putschversuch in der Türkei heftig über die Folgen und den Kurs Erdogans diskutiert. Ein Befürworter musste dabei heftige Kritik einstecken.

Eigentlich sollte bei Anne Will am Sonntag über den Anschlag in Nizza gesprochen werden, doch dann kam es ganz anders: In der Nacht von Freitag auf Samstag starteten türkische Militärs in Istanbul und Ankara den mittlerweile gescheiterten Versuch eines Putsches. Bei Anne Will wurde am Sonntag daher unter dem Titel "Putschversuch in der Türkei - Was macht Erdoğan jetzt?" über die Folgen des Putschversuchs, vor allem auch für Deutschland, diskutiert. Alle Informationen zu den aktuellen Entwicklungen in der Türkei finden Sie in unserem Live-Ticker vom Montag.

Die Gäste: Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags, Cem Özdemir, Parteivorsitzender der Grünen, Fatih Zingal, Vorsitzender der Union Europäisch-Türkischer Demokraten und Erdogan-Befürworter, Seyran Ates, Rechtsanwältin und Autorin, und Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr. 

Deutsch-türkischer Anwalt feiert das heroische Verhalten der Türken

Gleich zu Beginn der Sendung verteidigt der deutsch-türkische Anwalt Fatih Zingal das Vorgehen Erdogans gegen Richter und Beamte. Die Union der Europäisch-Türkischen Demokraten gilt hierzulande als Lobbygruppe von Erdogans Partei AKP. Zingal gibt sich gut gelaunt und plaudert ausgelassen über das heroische Verhalten der Bevölkerung angesichts der militärischen Übergriffe auf die Zivilbevölkerung: "Mich würde es nicht wundern, wenn dieser Tag zum Nationalfeiertag erklärt würde." Durch den Putsch seinen "Parallelstrukturen" demaskiert worden. Justiz und Militär seien unterwandert worden von Anhängern des in den USA lebenden Predigers Gülen - das sei nun aufgeflogen, so Fatih Zingal. Eine Theorie, die selbst von der Bundesregierung angezweifelt wird. 

Dann interveniert Norbert Röttgen und fährt dazwischen: "Wer stellt das fest? Wer behauptet das? Sie können nicht einfach Behauptungen auf verschwörungstheoretischer Grundlage aufstellen." Seiner Meinung nach nutzt Erdogan die Situation für sein Ziel, autokratischer Herrscher zu werden. Dass bereits am Samstag die Suspendierungen von Richtern und Staatsanwälten vorgenommen wurden, spricht seiner Meinung nach dafür, dass "die Namenslisten in den Schubladen gelegen haben müssen", so Röttgen.

Worin genau diese Parallelstrukturen bestehen, dieser Frage weicht Fatih Zingal aus. Inwiefern die verhafteten Richter aktiv an dem Putsch beteiligt waren - auch diese Frage bleibt unbeantwortet. 

"Wer baut die Parallelstruktur?"

Auch Cem Özdemir mischt sich ein und berichtet von seinen Erlebnissen in der Türkei: Laut Özdemir gibt es dort nämlich wirklich Parallelstrukturen, diese bestünden allerdings in einer gefährlichen Schattenarmee, zu der Präsident Erdogan die Polizei ausgebaut habe. "Wer baut die Parallelstruktur?", fragt Özdemir.

Die Anwältin und Autorin Seyran Ates stellt sich ebenfalls gegen die Erdogan-nahe Argumentation des deutsch-türkischen Anwalts Zingal. Der reagiert darauf, indem er sie indirekt als Anhängerin der Gülen-Bewegung bezeichnet. Ein rhetorischer Griff, der derzeit in der Türkei auch recht häufig zu beobachten ist. 

Erdogan-Anhänger Zingal weicht trotz vieler Argumente nicht von seinem Standpunkt ab und feiert die Niederschlagung des Putsches: "Die Demokratie hat gewonnen, da haben sich mutige Menschen mit nackten Oberkörpern Panzern entgegengestellt. Das war eine Sternstunde der Demokratie", beharrt Fatih Zingal.

Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, analysiert die Lage nüchtern: "Das sich die Menschen gegen die Putschisten gestellt haben, das ist Zivilcourage, das erfordert Mut, hat aber mit Demokratie nichts zu tun." Er bezeichnet das Vorgehen der Putschisten als "auffällig unsinnig". Viele Soldaten hätten größtenteils nicht gewusst, was vor sich geht und sich friedlich ergeben. 

Am Ende lässt sich Zingal zu einem gewagten Vergleich hinreißen: So fordert er die Anerkennung der demokratischen Leistung der türkischen Bürger während des Putsches. Wären in Deutschland so viele Leute für die Demokratie eingetreten, wie geschehen bei den Demonstrationen vor dem Mauerfall, dann habe das sehr wohl etwas mit Demokratie zu tun. "Die schreien auch nach der Todesstrafe", kontert die Autorin Seyran Ates.

Die ganze Sendung von Anne Will zum Thema "Putschversuch in der Türkei - Was macht Erdoğan jetzt?" gibt es in der ARD-Mediathek zum Nachschauen.

Kommentare