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Ski-in: Saas-Fee-Urlauber rutschen von der Piste bis vor die Hoteltür. Der Ort ist autofrei.

Weihnachts-Ohrwurm

Last Christmas in Saas-Fee

Radio an, da ist er schon wieder. „Last Christmas, I gave you my heart.“ Das britische Popduo Wham! hat damit vor genau 30 Jahren einen Weihnachts-Dauerbrenner gelandet, Ohrwurm-Faktor Alarmstufe.

Das Video dazu drehte George Michael und sein damaliger Partner Andrew Ridgeley in Saas-Fee. Viele im schweizerischen Skiort halfen mit und erzählen noch heute von den verrückten Tagen.

Hoppelnder Synthesizersound, bimmelnde Schlittenglöckchen: „Last Christmas I gave you my heart“, schmachtet die samtene Männerstimme. Ihr Besitzer fährt im Jeep vor, steigt mit blond zementierter Föhntolle aus. Winke-winke zu Freunden in quietschbunten Daunenmänteln an einer Gondelbahn. So beginnt das Video zu „Last Christmas“, dem größten Hit des britischen Popduos Wham!. Philippe Zurbriggen lächelt versonnen: „Einer von denen trug Lackschuhe und ist beim Aussteigen dauernd in den Schnee gefallen – leider haben sie das rausgeschnitten.“

Philippe Zurbriggen (57), heute Inhaber der Holzschnitzerei Woodpecker in Saas-Fee, hatte damals, im November 1984, den einzigen Jeep im Ort und wurde deshalb von der Filmcrew für die Drehwoche gebucht – auch als Chauffeur von George Michael: „Der fläzte seine Füße aufs Armaturenbrett und rauchte merkwürdig süße Zigaretten“, raunt Zurbriggen: „Wahrscheinlich hat er mich deshalb morgens beim Abholen nie erkannt …“

George Michael, eine Hälfte des Pop-Duos Wham!, vor dem Walliserhof.

Rein in die Gondel, rauf zum Berg geht’s im Video für die Briten – zu einem Chalet zwecks gemeinsamer Weihnachtsfeier. „So stimmt das natürlich nicht“, sagt Charly Schmidt, damals Kabinenführer der Bergbahn, heute Chef der örtlichen Bowlingbahn: „Die Felskinn-Gondel führt ins Gletscher-Skigebiet auf 3000 Metern, aber Chalets gibt’s da oben nicht.“ Dafür aber inzwischen Pisten wie aus dem Straßenatlas: Breite Autobahnen für Genusscarver, steile, buckelige Abfahrten für Freunde des gepflegten Muskelkaters und Tiefschnee-Prärie für Offroader. Skiläufer und Boarder müssen allerdings Geduld haben auf dem Weg ins Pistenparadies. Nur alle 15 Minuten zuckelt eine der beiden Felskinn-Riesengondeln los.

An deren Gipfelstation mutiert der Skifahrer zum Untergrundkämpfer, stapft zu Fuß durch hunderte Meter lange Felstunnel zur Piste oder zur Metro, einer Standseilbahn, die durch den Berg ganz oben auf den Gletscher führt. Dort laufen die in Saas-Fee noch reichlich vorhandenen Schlepplifte, denn für Sessellifte oder Gondelbahnen können keine Stützpfeiler verankert werden – sie würden im Eis nicht halten.

„Unser Ort hat viel Potential, aber zu wenig Potenz“, kommentiert Beat Anthamatten die Mankos vielsagend. Der Tourismus-Chef von Saas-Fee kann offenbar nicht so schnell verändern wie er möchte, spricht auch von „Bremsern“, die es hier gebe. Eine zusätzliche Bergbahn, Anfang 2011 angekündigt, ist bislang nicht gebaut. Aber das pfiffige, neue Marketingkonzept steht: „Freie Ferienrepublik Saas-Fee“ – jeder Gast kann sich pro forma einbürgern lassen, mit eigenem Pass und augenzwinkernd gewährten Bürgerrechten: Essen im wirklich sehenswerten, höchsten Drehrestaurant der Welt, 300 Sonnentage und 42 Wochen Schnee.

Wegen dieser Frau-Holle-Garantie kamen schon Wham! nach Saas-Fee – in einer Stretch-Limousine. „Die haben wir gleich auf den Parkplatz abgeschoben, denn unser Ort war schon damals autofrei“, erzählt Beat Anthamatten. Durch die engen Gassen mit wunderschönen, Jahrhunderte alten Holzhäusern surren bis heute nur Elektrobusse und –autos. Einzige Ausnahmen: Krankenwagen und Schneeräumer.

Immerhin, Fünf-Sterne-Luxus konnte Saas-Fee den verwöhnten Popstars damals schon bieten – im kurz zuvor eröffneten Walliserhof, dem heutigen Hotel Ferienart. George Michael bezog die Adlerhorst-Suite mit eigener Sauna und Whirlpool. Die damals 20-jährige Sybille Meyer an der Rezeption schwärmte sofort für den smarten Beau. „Bis ich ihn auf dem Flur traf – ungeschminkt“, erinnert sich die heutige Betreiberin des Hotels Elite. Andrew Ridgeley, zweiter Wham-Mann, wollte im Hotel möglichst weit von George Michael entfernt wohnen. Gemeinsame Fotos der beiden aus Saas-Fee gibt es nicht. „Die waren damals schon verkracht“, ist sich Beat Anthamatten sicher. Wenig später haben sie sich ja auch getrennt.

Gedreht wurde vor einem Chalet und im heutigen Kulturzentrum am Ortsrand. Die Dorfstraße war eine echte Herausforderung für die Wham!-Crew. Und beim Transport vom Hotel zum Drehort verschwand dann auch noch die Brosche, die George Michael seiner Angebeteten im Video schenken sollte. Stefan Zurbriggen fegte mit fünf Helfern jeden Quadratzentimeter des Weges ab: „Gefunden haben wir die Brosche – angeblich ein Erbstück von George Michaels Oma – nach Stunden vorm Hotel.“

Eine solche Aufregung hat Zurbriggen, heute Inhaber eines Sportgeschäfts, nie wieder erlebt, obwohl reichlich Promis nach Saas-Fee kommen: Tina Turner, Michelle Hunziker, Nena oder Seal. Sie alle genießen den zwischen reichlich Viertausendern wie hingegossen daliegenden Gletscher, sie kommen gern in urige Hütten wie die Gletschergrotte. Vor allem aber schätzen Promis die Diskretion und Abgeschiedenheit des Ortes. Ja, sie haben ihre Lektion im Umgang mit den Stars gelernt, damals, als George Michael „Last Christmas“ in Saas Fee drehte.

Stephan Brünjes

Die Reise-Infos zu Saas-Fee

REISEZIEL Die Gemeinde Saas-Fee gehört zum Bezirk Visp im Kanton Wallis. Sie liegt auf 1800 Metern auf einem Hochplateau des Saastals und ist umgeben von 3000 bis 4000 Meter hohen Bergen. Saas-Fee ist autofrei. Der PKW muss auf offenen Parkplätzen am Dorfeingang abgestellt werden. Im Ort verkehren nur Elektroautos.

ANREISE Von München über die Lindauer Autobahn und Bregenz zur Schweizer Grenze und über Winterthur und Zürich und Bern, weiter auf der A6 bis Spiez, von dort 90 Kilometer Landstraße nach Saas-Fee. Insgesamt 530 Kilometer.

SKIGEBIET Knapp 100 Kilometer Pisten, hauptsächlich mittelschwer. 22 Bahnen befördern die Skifahrer in die Höhe. Die längste Piste vom Mittelallalin nach Saas-Fee überwindet auf einer Länge von 14 Kilometern 1778 Meter Höhenunterschied.

WOHNEN George Michael wohnte während der Dreharbeiten im Walliserhof, dem heutigen Fünfsterne-Hotel Ferienart. Sieben Übernachtungen mit Halbpension und Sechs-Tage-Skipass können dort ab 1368 Euro pro Person gebucht werden. Tel. 0041/279 58 19 00, www.ferienart.ch.

Für junge Gäste mit dünnerem Portemonnaie und coolem Anspruch: Popcorn! Hotel mit integriertem Nightclub und angesagtem Snowboardshop nebenan. Sieben Übernachtungen inkl. Gratis-Internet, Eintritt in den Club und Skibus zum Lift 473 Euro pro Person.

Hotel Marmotte, optisch etwas in die Jahre gekommen, aber sehr netter Service und tolles Abendmenü: Sieben Übernachtungen im Doppelzimmer 332 Euro pro Person inkl. Frühstück. Halbpension kostet 20 Euro pro Person und Tag extra.

SKIPASS Für sechs Tage zahlen Erwachsene ab 311Euro, Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren ab 172 Euro, Kinder unter 10 Jahren fahren kostenlos.

KULINARISCH Threesixty, das höchste Drehrestaurant der Welt auf 3500 Metern, dreht sich einmal um sich selbst in einer Stunde. Dabei genießt man Maiscremesuppe mit Nachos oder Maccaroni und Oliven-Pistazien-Pesto bei Chardonnay oder Gletscherwasser. www.threesixty-saasfee.ch.

In der Gletschergrotte geht es rustikaler zu: Günthi an seiner Schneebar brutzelt leckere Würstchen und serviert Raclette. Wer vom Skilaufen noch nicht wach genug ist, bestellt den Monsterkaffee – im Ein-Liter-Glas. www.gletschergrotte.ch.

EXTRA-TIPP Gorges Alpine, eine spannende Schluchtwanderung von Saas-Fee ins im Tal liegende Saas-Grund. Mit Bergführer geht’s gesichert über Hängebrücken, auf Leitern und eingeklinkt in Seilbahnen in die Tiefe. „Active Dreams“ Bergführer Weissmies, Tel. 0041 78 825 82 73, www.klettersteig.ch.

WEITERE INFOS Saas-Fee/Saastal Tourismus, Tel. 0041/279 58 18 58, www.saas-fee.ch.

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