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Rudi Carrells Sommer-Klage-Song ist ein Evergreen.

Radio-Klassiker

Miesepeter-Hymne: Seit 40 Jahren jammert Rudi über den Sommer

Berlin - „Wann wird's 'mal wieder richtig Sommer?“ Warum uns ein Lied von Rudi Carrell, das nie ein Top-Ten-Hit war, bis heute so fesselt. Und wieso in Wirklichkeit nicht die SPD an allem schuld ist, sondern Nixon.

An diesem Sonntag ist nach dem Kalender Sommeranfang und das große Motzen geht wieder los. Zu kühl, zu nass, zu stürmisch, zu windig, zu wechselhaft, zu langweilig. Seit 40 Jahren gibt Rudi Carrell allen Nörglern eine Stimme. „Wann wird's 'mal wieder richtig Sommer/ ein Sommer, wie er früher einmal war?/ Ja, mit Sonnenschein von Juni bis September/ und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr.“ Der Schlager schallt seit 1975 trostspendend aus dem Radio und gipfelt in dem Kalauer: „...denn schuld daran ist nur die SPD“. Carrell ist 2006 gestorben. Doch das Lied des Gastgebers von Showklassikern wie „Am laufenden Band“ scheint unsterblich zu sein.

Was macht die Faszination des „Sommer“-Liedes aus? Schließlich haben viele Prominente in den 70er Jahren mehr oder wenige anspruchsvolle Liedchen geträllert, ohne damit große Spuren zu hinterlassen. Da schmetterte etwa Bundespräsident Walter Scheel „Hoch auf dem gelben Wagen“, Fußballer Franz Beckenbauer sang „Gute Freunde kann niemand trennen“, Schauspielerin Johanna von Koczian „Das bisschen Haushalt“.

Carrells Evergreen

Warum stellt Carrell sie alle in den Schatten? „Das hat verschiedene Gründe. Zum einen hat es mit der Person Rudi Carrell zu tun, der immer in seinen Shows gesungen hat. Das war kein Nebenberuf, sondern Teil seines Entertainments“, erläutert Prof. Rainer Moritz, der das Literaturhaus Hamburg leitet. „Es ist ihm mit diesem Lied - seinem Texter sei Dank - gelungen, einen Klassiker zu schaffen.“

Radiosender griffen gern darauf zurück, gerade zum Sommeranfang, sagt Moritz. „Und da die Leute ja immer dazu neigen, über das Wetter zu klagen, immer unzufrieden sind mit dem Sommer und sich einbilden, früher sei alles besser gewesen, ist natürlich so ein Lied wunderbar geeignet, um Zeitaktuelles zu kommentieren.“ Es seien „originelle Bezüge“, die solche Lieder zu Evergreens machten. Das treffe etwa auch auf Gunter Gabriels Lied „Hey Boss, ich brauch' mehr Geld“ zu.

Was viele nicht wissen: Die Melodie ist älter als Carrells Song. Es ist ein Cover des Liedes „City of New Orleans“, geschrieben von Steve Goodman. Das war ein hochpolitischer Titel gewesen. Goodmans Text kritisierte den Beschluss der Regierung von US-Präsident Richard Nixon, der den Eisenbahngesellschaften erlaubte, unrentable Strecken stillzulegen. Das Aus für viele Linien traf vor allem arme Leute.

Weitere Versionen des Songs

Und was noch weniger Leute wissen: „Es gibt eine zweite deutsche Version“, schildert Literaturwissenschaftler Moritz. Ronny, ein damals sehr populärer Western-Schlagersänger habe sie ungefähr zur gleichen Zeit wie die von Carrell eingesungen. „Ronny hat gesungen: „Einmal vergeht der schönste Sommer“.“ Grundlage war dieselbe amerikanische Originalversion. „Das ist ein sehr schönes Lied von Ronny. Aber es hat - man merkt es schon am Titel - eben nicht diese Fähigkeit, zum Klassiker zum Kommentieren des Zeitgeschehens zu werden. Deswegen ist Ronnys Lied leider vergessen, während Rudi Carrell immer noch rauf und runter gespielt wird.“ Obwohl nie in den Top Ten gewesen, entwickelte sich das Carrels Lied zum Dauerbrenner.

Der Erfolg des Showmasters mit „Wann wird's 'mal wieder richtig Sommer?“ hat aber noch einen anderen Grund, ist sich der Pop-Experte Jan Feddersen sicher: „Er hat ein Gefühl aufgegriffen. Denn der Sommer 1975 fing wirklich nicht besonders toll an. Wenn ich das richtig erinnere, ist er erst mit dem Lied richtig toll geworden.“ Diese Erinnerung trügt Feddersen nicht. „Der Sommer 1975 fing relativ kühl an“, sagt Jens Oehmichen vom Deutschen Wetterdienst. Oehmichen hat Aufzeichnungen über den Juni 1975 in Norddeutschland ausgewertet. „Dass er verregnet war, kann man nicht sagen. Aber er war zu kühl.“

Der Show-Holländer hatte also ein perfektes Timing. Feddersen benennt die Formel zum Super-Hit: „Man muss mit der richtigen Botschaft, mit dem richtigen Sound, eine Stimmung der Zeit aufgreifen können. Dann ist im Grunde genommen ein Super-Hit garantiert.“ Carrell sei zudem einer der populärsten Menschen im deutschen Entertainment gewesen. „Und er traf ein allgemeines Gefühl, was damals in Deutschland herrschte. Es war ein gesungener Stoßseufzer von vielen Millionen.“ Dieser Stoßseufzer wurde erhört, wie Wetterexperte Oehmichen belegen kann. „Der August 1975 war ein Sommer, wie er im Buche steht.“

dpa

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